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	<title>Guillaume Paoli &#187; Occupy</title>
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		<title>Neues aus dem antikapitalistischen Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Feb 2014 14:36:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Occupy-Wall-Street-Plakat von Adbusters, jetzt von Walmart verkauft Crowdfunding ist die gemütlichere Form des Bettelns. Anstatt an einer kalten Straßenecke zu stehen und Menschen direkt anzusprechen, sitze ich im warmen Nest vor dem Computer und versuche, über soziale Netzwerke die Öffentlichkeit für eine gute Sache zu gewinnen. Spenden ein paar Hunderttausende einen kleinen Obolus, dann ist...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/neues-aus-dem-antikapitalistischen-kapitalismus/" title="ReadNeues aus dem antikapitalistischen Kapitalismus">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<pre style="text-align: center;"><a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adplakat.jpg"><img class="size-medium wp-image-363 aligncenter" alt="adplakat" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adplakat-300x219.jpg" width="300" height="219" /></a>Occupy-Wall-Street-Plakat von Adbusters, jetzt von Walmart verkauft</pre>
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<p style="margin-bottom: 0cm; text-align: left;">Crowdfunding ist die gemütlichere Form des Bettelns. Anstatt an einer kalten Straßenecke zu stehen und Menschen direkt anzusprechen, sitze ich im warmen Nest vor dem Computer und versuche, über soziale Netzwerke die Öffentlichkeit für eine gute Sache zu gewinnen. Spenden ein paar Hunderttausende einen kleinen Obolus, dann ist die Finanzierung meines Konzepts gesichert. In Zeiten des Subventionsabbaus und der ausbleibenden Sponsoren werden wir immer häufiger darum gebeten, für die Realisierung eines Filmes, eines Musikalbums oder eines politischen Projekts einen bescheidenen Betrag zu überweisen. Selbstverständlich haben sich Internetplattformen auf Schwarmfinanzierung spezialisiert, am erfolgreichsten das US-amerikanische StartUp-Unternehmen Kickstarter. Das tun sie nicht aus reiner Nächstenliebe, Kickstarter erhebt eine Vermittlungsprovision in Höhe von 5% der erreichten Summe (dazu kassiert Amazon-Payments auch etwas). Bei der Gesamtmenge der Mikrotransaktionen ein gutes Geschäft. Aber auch für die Projektmacher kann Schwarmfinanzierung einen Geldsegen bedeuten. So kam der Autor des Comics „The order of the stick“ auf eine unverhoffte Million Dollar, ein Design-Projekt sogar auf zehn Millionen.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Derzeit wird durch Crowdfunding für ein originelles Alternativprojekt geworben: eine „gewaltlose Occupy-Wall-Street-Bürgerwehr“. Es gehe dabei um nichts weniger als „die existierenden Machtstrukturen zu zerlegen“ &#8211; diese Floskel reicht schon, um Misstrauen zu erwecken. Alle meinten, OWS sei schon lange tot, doch bleiben unter diesem Namen eine Webseite und ein Twitter-Konto aktiv, welche am Anfang der Besetzung von der „transgender Anarchistin“ Justine Tunney angemeldet worden waren. Nachdem sich Tunney mit anderen Promis der Bewegung wie David Graeber überwarf, hat sie die Marke OWS eigenhändig übernommen. Wir wollen jetzt nicht diskutieren, was zum Teufel eine gewaltlose Volksarmee soll. Wahrscheinlich läuft das Konzept auf eine Art Grundeinkommen für Black-Block-Chaoten hinaus. Viel interessanter ist die Tatsache, dass Justine Tunney seit Auflösung der Zuccotti-Park-Besetzung für Google als Software-Ingenieurin arbeitet. Nach eigener Aussage sei sie an Krebs erkrankt und müsse sich daher ausverkaufen &#8211; wogegen es nichts einzuwenden gäbe, würde sie nicht gleich dazu erklären: „Zwar operiert Google innerhalb des kapitalistischen Systems, aber sie tun viel Gutes für die ganze Welt. <span id="more-364"></span>Ich respektiere Google und würde niemals versuchen, die Firma zu sabotieren.“ Es ist Tunneys gutes Recht, an die Wohltätigkeit ihres Arbeitgebers zu glauben, dann aber sollte sie es mit leeren Parolen wie „Stomp out capitalism!“ lieber sein lassen. Bereits während der Besetzung hatte sie ihr superkritisches Kapitalismusverständnis unter Beweis gestellt: „Diese Bewegung hat nichts gegen Konzerne, sie ist nur gegen Wall Street!“</p>
<p>An sich ist die Anekdote unbedeutend. Sie wirft aber die Frage auf: Weshalb hat Google eine von Volksmiliz fantasierende Aktivistin in einer Spitzenposition eingestellt? (Sie arbeitet dort an der Herstellung von Systemen für „generic top level domains“.) Sicherlich trägt eine konzernfreundliche Revolutionärin zum fortschrittlichen Image des meinungsbildenden Unternehmens bei. Das dürfte aber nur Nebensache sein. Im Grunde geht es um die Eroberung eines weiteren Schlüsselmarktes. Dass Google großes Interesse an Crowdfunding hat, liegt auf der Hand. Die Firma ist ja auf  Wertschöpfung aus scheinbar desinteressierten Dienstleistungen aufgebaut. Basisdemokratische Kleinmäzene sind eine wunderbare Quelle von Profiles für die Werbebranche. Sage mir, zu welchem Zweck du spendest, und du bekommst das entsprechende Warenangebot. Der Markt ist ständig auf der Suche nach neuen, noch nicht erschlossenen „Authentizitätsquellen“. In diesem Sinne kann der Verwendungszweck der Schwarmfinanzierung egal sein. Hauptsache, eine Community wird dadurch marketingtechnisch erfassbar. So lange sich das OWS-Bürgerwehrprojekt in gesetzlichem Rahmen hält („gewaltfrei“ also), wird sein Gelingen allein von der Nachfrage bestimmt. Und es muss nicht einmal gelingen. Für den Erfolg reicht doch, dass genug Unterstützer sichtbar werden. Auch Anarchisten sind eine Zielgruppe. Da sie vermutlich für konventionelle Werbung weniger anfällig sind als Fussballfans oder Hausfrauen, müssen spezielle Formen entwickelt werden, um sie effektiv anzusprechen. Da können die Slogans nie radikal genug sein.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm; text-align: center;"><a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adshoes.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-362" alt="adshoes" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adshoes-300x231.jpg" width="300" height="231" /></a><em></em></p>
<pre style="margin-bottom: 0cm; text-align: center;">Antiwerbungwerbung für Nologo-Schuhe zu 135 $</pre>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Occupy Wall Street hatte von Anfang hat ein inzestuöses Verhältnis zur Werbung. Die Bewegung wurde ja von Adbusters lanciert, einer Antikonsum-Gruppe aus Kanada, die seit Jahren „Kommunikationsguerilla“ ausübt. Werbeplakate werden umgestaltet, überklebt oder zerstört, mit der bescheidenen Absicht, „die bestehenden Machtstrukturen zu stürzen“. Dem stimmte einmal ein französischer Medienprofi zu: „Da zu viel Werbung die Werbung tötet, kann der Protest nicht schaden. Er hilft ja, die Formen zu erneuern“. Außerdem haben die Adbusters Nike den Kampf angesagt, diesem Symbol des Warenfetischismus. Um „die Macht des Konzerns zu zerschlagen“, lassen sie „No Logo“ Schuhe herstellen, die über ihre Webseite käuflich zu erwerben sind. So macht eine Antiwerbung-Gruppe Werbung für antifetischistische Fetische. Natürlich sind No-Logo-Schuhe so wie Nike ein Statussymbol, das Zurschautragen der eigenen politischen Korrektheit, das Zugehörigkeitszeichen zu einer linken Gesinnungsgemeinschaft. Gelingt es Adbusters, Schuhrevoluzzer en masse zu gewinnen, dann wird ihre Gewinnspanne die von Nike übertreffen. So werden tatsächlich „bestehende Machtstrukturen“ zerschlagen. Schumpeter nannte das die „schöpferische Zerstörung“, eine Grundbedingung des kapitalistischen Wachstums.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">Also wundert es nicht, dass die OWS-Übernahme von Micah White unterstützt wird, dem früheren Herausgeber von Adbusters. Heute leitet White eine Consulting-Firma die nach Eigendarstellung ihre Dienstleistungen einer „erlesenen internationalen Kundschaft von sozialen Revolutionären und Bewegungen“ verkauft. Hier wieder geht es nicht primär um die Neutralisierung eines politischen Projekts, sondern um die Ausweitung der Marktzone.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"> Natürlich fühlen sich viele enttäuscht, die damals im Zuccotti Park campten. So heisst es in einer Mitteilung namens „Occupy Irony“: „Früher wurden wir zur Aktion aufgerufen, heute zur Spende. So wird eine Bewegung, die nach leidenschaftlicher Innovation suchte, zu passivem Konsumentenaktivismus herabgewürdigt&#8230; Occupy Wall Street ist keine Marke, die Aufmerksamkeit erregen soll, um Geld schneller zu sammeln. Es war und bleibt ein Aufruf zu direkter Aktion, eine Vernetzung von Person zu Person, ein Versuch, uns unsere Commons wieder anzueignen, von dem Web bis zu der Straße. Noch liegt es an uns, unsere Bewegung in eine reale Bewegung (!) zu verwandeln. Ob sie dann Occupy Wall Street oder anders heisst, ist egal“. Man will hoffen, dass sie das nächste Mal auch weniger konfus wird.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adjustine1.jpg"><img class="size-medium wp-image-361 aligncenter" alt="adjustine1" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2014/02/adjustine1-300x225.jpg" width="300" height="225" /></a>Was Deutschland betrifft, verdient das Thema nur eine Fußnote. Da es hierzulande weder nennenswerte Sozialbewegungen, noch schöpferisch-zerstörerische Konzerne gibt, beschränkt sich der kapitalfreundliche Antikapitalismus auf alberne Simulationen. Gerade wurde auf arte das neue Rollenspiel der unfruchtbaren „Kreativklasse“ gefällig präsentiert. RLF heisst „die neue Protestbewegung, die gegen den Kapitalismus kämpft“ und zugleich „ein kommerzielles Unternehmen, dass das Lebensgefühl von Protest vermarktet“. Gekonnt reiht der RLF-An- und Geschäftsführer, der unsägliche Friedrich von Borries, einen Firlefanz an den anderen. „Konsum ist ein revolutionärer Akt.“ „Wir führen einen Aufstand nach den Regeln des Marktes.“ „Protest wird in Luxusprodukte überführt.“ Solche altbackene Pseudoprovokationen werden nur Ästhetikstudenten und gelangweilte Galeriebesucher in Berlin-Mitte für eine Saison begeistern können. Trotz Sponsoren, Bundeszentrale für politische Bildung und Medien trifft das Unternehmen so sehr auf Desinteresse, das es im Fernsehen seine Gegnerschaft selbstinszenieren muss &#8211; und das auf dem Schauspielniveau einer schlimmen Tatort-Folge. In der genannten Sendung erklärt der Altprotestsoziologe Dieter Rucht: „Man braucht heute Geld, um Protest zu machen.“ Anders herum, Herr Professor! Man braucht heute Protest, um Geld zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Feigheit vorm Volk</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Oct 2013 14:09:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Das abwesende Subjekt]]></category>
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		<description><![CDATA[Warum sickert in einer Kaffeemaschine das Wasser durch das ganze Kaffeepulver durch, anstatt bloß nach unten zu tröpfeln? Das Phänomen heisst Perkolation -auf englisch nennt sich auch die Kaffeemaschine percolator. Generell beschreibt die Perkolationstheorie wie in einem gegebenen System Punkte, die voneinander getrennt sind, sich in zufallsbedingten Zusammenhängen untereinander verbinden, welche sich wiederum mit anderen...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/feigheit-vorm-volk/" title="ReadFeigheit vorm Volk">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Warum sickert in einer Kaffeemaschine das Wasser durch das ganze Kaffeepulver durch, anstatt bloß nach unten zu tröpfeln? Das Phänomen heisst Perkolation -auf englisch nennt sich auch die Kaffeemaschine <i>percolator</i>. Generell beschreibt die Perkolationstheorie wie in einem gegebenen System Punkte, die voneinander getrennt sind, sich in zufallsbedingten Zusammenhängen untereinander verbinden, welche sich wiederum mit anderen Zusammenhängen vernetzen. Zieht sich der Prozess weiter durch, dann wird eine „Perkolationsschwelle“ erreicht: Das System kippt von seinem ursprünglichen Zustand in einen neuen Zustand um (zum Beispiel wird der Kaffeesatz komplett durchnässt). Der belgische Anthropologe Paul Jorion meint: „Mit der Perkolation entstehen unzählige Wege, die ohne Unterbrechung durch das gesamte System führen und zwar ganz gleich, wo der Eingangspunkt lag.“ Darum ist Perkolation, wenn nicht ein Modell, dann zumindest eine geeignete Metapher, um die Dynamik sozialer Bewegungen zu beschreiben. Sie ist auf jeden Fall passender als das Bild des „Virus“, das, immer wenn sich ein Aufstand ausbreitet, von einfallslosen Journalisten bemüht wird.<br />
Wir sind alle vereinzelte Punkte im System. Jeder mag sich über dies und jenes empören, jeder mag sich wünschen, dass sich endlich etwas dagegen tut, doch solange Gefühle und Wünsche nicht kommuniziert werden, bleibt die Ohnmacht intakt und mithin das System. Zwar formieren sich immer wieder politische Zusammenhänge und Protestcluster, doch meistens stoßen sie schnell an unüberbrückbare Grenzen. Das besetzte Feld wird von den Nachbarfeldern ignoriert. Doch ab und an findet das perkolative Moment statt. In letzter Zeit wurde das Phänomen u.a. in Tunesien, Ägypten, Spanien, Brasilien und der Türkei beobachtet. Tausende versammeln sich an einem Ort und plötzlich sind es Zehntausende, die sich mit weiteren Zehntausenden verbinden, bis das ganze Gesellschaftsgewebe von zahllosen Kommunikationswegen durchdrungen ist. Die Summe der privaten Empörungen wird zu öffentlicher Rebellion, die individuelle Ohnmacht zur kollektiven Macht, die Angst verflüchtigt sich und das System kippt um, zumindest für einen kurzen Augenblick.<span id="more-141"></span></p>
<p>Eine solche Ausbreitung erfolgt so rasch und unvermittelt, dass sie den Teilnehmern wie ein Wunder erscheint. Niemand hätte sie für möglich gehalten, niemand kann wirklich erklären, wie sie zustande kam. Es gibt einen logisch-negativen Grund, weshalb die soziale Perkolation unvorhersehbar ist. Wäre es möglich, sie zu prognostizieren, dann könnten es auch Regierung und Polizei tun, also würden sie rechtzeitig handeln können, um sie zu verhindern. Die Vorhersagbarkeit des Ereignisses würde es zum Nicht-Ereignis machen. Ein weiterer Grund ist die topologische Unbestimmbarkeit. Der Eingangspunkt ist gleichgültig, Auslöser der Revolte kann alles sein, in Sao Paulo eine Fahrpreiserhöhung oder in Istanbul ein Bauvorhaben. Tagtäglich werden Preiserhöhungen und Bauprojekte beschlossen, ohne auf Widerstand zu treffen. Stillschweigend geduldet werden ja gar viel gravierendere Eingriffe in die Freiheit und den Wohlstand. Menschen nehmen zur Kenntnis, dass sie von Banken enteignet und von Geheimdiensten überwacht werden und gehen nicht deswegen auf die Straße. Dann aber reicht ein relativ harmloser Zwischenfall, und hoch gehen die Barrikaden. Warum passiert es ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Weil vielfältige, heterogene Faktoren zufällig aufeinander getroffen sind. Die günstige Wetterlage mag ebenso dazu gehören wie im richtigen Augenblick die inspirierte Wortmeldung eines Einzelnen. Daher kann keine Strategie diesen Prozess steuern, Theorien gehören allenfalls zu den vielen Zufallsbedingungen.</p>
<p>Ist die Perkolation einmal im Gang, gibt es erprobte Gegenmaßnahmen, um sie zu stoppen. Gewöhnlich erfolgen diese in drei Stufen. Zunächst werden die Kommunikationswege physisch gesperrt. Die Gefahrenzone wird von einem Sicherheitsgürtel umzingelt. Das ist die Aufgabe der Polizei. Zweitens wird der entstehende Prozess argumentativ ausgesondert. Über die besonderen Probleme der protestierenden Gruppe wird ausführlich diskutiert, um besser über die allgemeinen Gründe zu schweigen, die zu einer Ausbreitung führen könnten. Das ist die Aufgabe der Medien. Schließlich werden die horizontalen Kommunikationswege nach oben umgeleitet, einseitig auf die Regierung gerichtet. So entsteht ein Trichter-Effekt: Mit der Regierung kann nicht jeder sprechen, also wird die Kommunikation an Experten delegiert, weil diese mit Vertretern der Macht eine gemeinsame Sprache teilen, die die meisten Menschen kaum beherrschen.</p>
<p>Dabei wären wir bei der alten Frage der Verbindung zwischen dem Intellektuellen und dem Volk. Laut Sartres Definition ist ein Intellektueller jemand, der sich um Sachen kümmert, die ihn nichts angehen. Die Frage ist aber <i>wie </i>er das tut. In den letzten Jahrzehnten ist die Figur des engagierten Intellektuellen so gut wie verschwunden. Das zeigt die Verwandlung des Populismus-Begriffs besonders deutlich. Populisten, das waren im 19. Jahrhundert Sprösslinge der Elite, die Studium und Karriere hinschmissen, um mit den Bauern zu leben und zu agitieren. Das taten sie zum Teil aus Selbsterlösungsgedanken, doch vor allem aus der einfachen Überlegung: Wer sich für das Gemeinwohl engagieren will, muss die Massen auf seiner Seite haben. In den USA und Russland war der Populismus eine wichtige, erfolgreiche Bewegung. Als letzte Populisten können wir hierzulande jene maoistischen Studenten werten, die in den 1970er zu Fabrikarbeitern wurden. So verschroben ihre Ideologie war, da zumindest waren sie konsequent. Doch ist heute Populismus ein Schimpfwort geworden. Als Populist gilt jeder, der sich an die einfachen Menschen in deren Sprache wendet.</p>
<p>Allein von „einfachen Menschen“ zu sprechen, ist höchstverdächtig. Besonders in Deutschland gelten die unteren Schichten als stumpfsinnig, unartikuliert und tendenziell völkisch. Wenn sie wider Erwarten einen Protest wagen, findet sich immer ein linker Schlaumeier, um ihnen „verkürzte Kapitalismuskritik“, „Neid“ wenn nicht „antisemitische Untertöne“ vorzuwerfen. Das mag wohl sein, aber die Menge, die 1789 die Bastille stürmte, bestand auch nicht aus feinsinnigen Aufklärern. Wie Hegel meinte, das Bewusstsein ist wie die Eule der Minerva, sie fliegt erst in der Dämmerung aus (und oft genug ist es dann zu spät). Man hätte glauben können, dass es gerade die Aufgabe der Intellektuellen sei, sich unter die Menge zu mischen, um zu versuchen, gemeinsam Gedanken zu klären. Aber das wäre ja populistisch.</p>
<p>Zugegeben, Verdacht ist nicht fehl am Platz. Der Rekurs zum „Volk“ ist vielmals ein Instrument von Gleichschaltung und Diktatur gewesen. Andererseits ist der Volksbegriff für die politische Theorie unverzichtbar. Wen sonst vertreten die Vertreter? Von wem geht die Souveränität aus? Vor allem aber: Ist einmal das gemeine Volk weggezaubert, welches Subjekt bleibt denn gegenüber der Elite übrig? Wahrscheinlich ist das die sonderbarste Errungenschaft der Gegenwart: Die meisten Menschen sind unsichtbar gemacht worden. Sie kommen in der Öffentlichkeit einfach nicht mehr vor. Allein durch die Statistik erfahren wir, dass in Deutschland immer mehr Bürger am Rand des Existenzminimums leben. Doch eine wahrnehmbare, soziale Präsenz haben sie nicht. Sie sind weg vom Bildschirm. Eine räumliche Entsprechung ist das gentrifizierte Stadtzentrum, das einem den Eindruck vermittelt, die Bevölkerung ernähre sich nur noch von Kunstprojekten, Design und Apps.</p>
<p>Es gibt Gegenentwürfe. Brechts Ratschlag folgend hat der Philosoph Antonio Negri das Volk aufgelöst, ein neues gewählt und es Multitude genannt. Auf den ersten Blick sieht die Multitude vorteilhafter aus, sie ist keine graue Masse mehr, sondern eine bunte Ansammlung von „Singularitäten“. Doch verbirgt diese scheinbare Vielfalt eine bedenkliche Homogenität. Zur Multitude zählen nicht etwa der zur Ausländerfeindlichkeit neigende Bauarbeiter oder die katholische Gegnerin der Schwulen-Ehe. Voraussetzung um dazuzugehören ist schon eine vage Grundgesinnung. Auch die verdrossene Supermarktkassiererin mit Grundschulabschluss wird sich schwer mit dem Jargon des „kognitiven Proletariats“ anfreunden können. Die linksakademische Sprache will nicht verbinden, sondern absondern. So bleibt man schließlich unter sich.</p>
<p>Neuerdings wird jener Bruchteil der Bevölkerung, der zur Sichtbarkeit offiziell zugelassen wird, „Generation Y“ genannt. Es sind gut ausgebildete, technologieaffine, optimistische und selbstbewusste Menschen unter 35. Glaubt man Wikipedia ist das Musterbeispiel ihrer Organisationsform die Bewegung Occupy Wall Street (OWS). Wen wundert&#8217;s? Laut Publizist Thomas Frank war OWS „das meist beschriebene und überschätzte Ereignis aller Zeiten“. Bereits der Name täuscht: Nicht die Wall Street wurde besetzt, sondern ein Park nebenan, keine Banken, sondern Parkbänke. Das ist nicht weiter schlimm, bloß soll klargestellt werden, dass man sich im symbolischen Bereich bewegte. Auch das Ausmaß der Bewegung wurde massiv überschätzt. So werbetechnisch perfekt der von Antiwerbung-Aktivisten lancierte Slogan „Wir sind die 99%!“ auch war, schließlich waren ein paar tausend Teilnehmer dabei und das in einer 8 Millionen Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war in der gesamten US-Bevölkerung die Empörung gegen das Finanzsystem riesig, entsprechend auch die anfängliche Sympathie für OWS. Und doch waren die Camper fast ausschließlich Studenten, Akademiker, Künstler und Netz-Aktivisten. Sie haben zusammen gekocht, getrommelt, geschlafen, Internetbotschaften in die Welt geschickt, tagelang antihierarchisch palavert und eine Menge Spaß gehabt. Da sie keine Forderung hatten, konnten sie nicht enttäuscht werden, als nach acht Wochen der Karneval zu Ende ging, ohne die soziale Lage im geringsten verändert zu haben. Weiterhin wurden arme Schlucker aus ihren Häusern rausgeschmissen, verloren ihren Job, rangen mit Überschuldung. Den Bankern geht es nach wie vor prächtig.</p>
<p>Selbstverständlich war es richtig, etwas unternehmen zu wollen und niemandem darf das Scheitern vorgeworfen werden. Bedenklich wird es aber, wenn das Scheitern hinterher als Riesenerfolg gefeiert wird, ja als Beginn einer neuen Revolution. Der Zuccotti Park wurde dem Tahrir Platz gleichgestellt, aber in Ägypten fand tatsächlich ein perkolativer Volksaufstand statt, deswegen war dieser auch widersprüchlich, konfliktreich, in einem Wort: unrein. Stattdessen verlief die „gegenseitige Anteilnahme“ im OWS-Themenpark reibungslos, weil in geschlossenem Kreislauf, von der Außenwelt durch die Firewall des akademischen Kauderwelschs geschützt. So unergründlich die Wege der Perkolation auch sind, wir können getrost davon ausgehen, dass ein Aufstand in Lebensgröße, sollte er doch noch kommen, ganz anders aussehen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
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