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	<title>Guillaume Paoli</title>
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		<title>Interview mit der &#8220;Neuen Berliner Illustrierten Zeitung&#8221;, März 2024</title>
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		<pubDate>Thu, 02 May 2024 14:28:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[NBIZ: Guillaume, du hast gerade den Günther Anders Preis für dein Buch bekommen, und das hat mir auch eingeleuchtet. Aber abgesehen davon ist Günther Anders in dem Buch sehr prominent vertreten. Könntest du dazu ein paar Sätze sagen? GP: Günther Anders ist für mich zunächst der Denker über Hiroshima und die Folgen der ersten Atombombe....  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/interview-mit-der-neuen-berliner-illustrierten-zeitung-maerz-2024/" title="ReadInterview mit der &#8220;Neuen Berliner Illustrierten Zeitung&#8221;, März 2024">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2024/05/417690219_954646226237339_485200714045291767_n.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-787" alt="417690219_954646226237339_485200714045291767_n" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2024/05/417690219_954646226237339_485200714045291767_n-200x300.jpg" width="200" height="300" /></a>
<p>NBIZ: <strong>Guillaume, du hast gerade den Günther Anders Preis für dein Buch bekommen, und das hat mir auch eingeleuchtet. Aber abgesehen davon ist Günther Anders in dem Buch sehr prominent vertreten. Könntest du dazu ein paar Sätze sagen?</strong></p>
<p>GP: Günther Anders ist für mich zunächst der Denker über Hiroshima und die Folgen der ersten Atombombe. Er ist der erste, der erkannt hat, was für ein Bruch in der menschlichen Erfahrung Hiroshima war. Und zwar nicht als Ereignis, sondern als Vorspiel. Hiroshima war die Ankündigung eines neuen Zeitalters, in dem theoretisch in jeder Sekunde die Welt durch Atomwaffen vernichtet werden könnte. Was macht das mit uns, dass jetzt und für immer die Auslöschung der Menschheit wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen schwebt? Und doch geht das Leben wie gehabt weiter, ohne sich wirklich Gedanken darüber zu machen. Anders wollte seine Zeitgenossen aufrütteln, sie mit dem konfrontieren, was er „Apokalypse-Blindheit“ nannte.</p>
<p>Auch über Auschwitz hat er geschrieben, aber da war er nicht der Einzige. Das taten auch Adorno und andere. Zumindest in Europa ist das Gedenken an Auschwitz viel präsenter als Hiroshima, obwohl jetzt mit dem Ukraine-Krieg die atomare Vernichtung wieder auf der Tagesordnung steht. Oft wird die Singularität des Holocaust betont. Im Gegensatz dazu steht Hiroshima für Wiederholbarkeit. Zumal heute etliche Länder in Besitz von Atomwaffen sind. Das zweite, was mich an Anders interessiert, ist die Verbindung mit seinen anderen Thesen, die man als Technikkritik zusammenfassen kann. Für ihn ist die Atombombe nicht als Einzelphänomen zu betrachten, sondern als praktisch logische Konsequenz des Technik-Problems. In Die Antiquiertheit des Menschen beschreibt er das Gefälle zwischen Herstellung und Vorstellung. Also: wie die Menschen die Konsequenzen ihrer Produktion nicht wirklich begreifen. Wie sie von ihren Produkten überrannt werden. Das scheint mir heute noch aktueller als zu seiner Zeit. Diese Klimaveränderung ist nur das Symptom einer größeren, umfassenderen Krise – eines Desasters, wie ich das nenne. Ich wollte untersuchen, inwieweit man Günther Anders‘ Thesen auf diese neue Situation übertragen kann.</p>
<p>NBIZ: <strong>Was sind die Unterschiede zwischen der atomaren Gefahr, wie er sie beschrieben hat, und der jetzigen Situation, die natürlich eine andere ist?</strong></p>
<p>GP: Weil es jetzt eben nicht um eine künftige Gefahr geht, sondern um einen Prozess, der schon in Gange ist. Der Atomtod wäre ein plötzliches Ereignis, eine Sekunde und dann ist alles vorbei. Dafür sind Klimaerwärmung, Artensterben, Wasserknappheit usw. Teil einer langen, unheilvollen Entwicklung, wobei der Endpunkt an sich keine Rolle spielt. Aber in beiden Fällen versagt die Vorstellungskraft. Darum ist Anders wichtig.</p>
<p>NBIZ: <strong>Amitav Ghosh bezeichnet den Prozess der kolonialen Eingriffe als Terraforming, und setzt den Beginn 1621 an, als die Holländer eine Insel in der Banda See zur Erringung des Monopols auf die Muskatnuss eingenommen hatten. Du beschreibst in Deinem Buch sehr genau das Aufdrängen der westlichen Produktionsweise, was einhergeht mit der Zerstörung der ganzen indigenen Kulturen, die dort gelebt haben. Darüber hinaus können wir in diesen ehemals kolonisierten Regionen jetzt auch das Scheitern der dort übergestülpten westlichen Werte feststellen. Die westliche Produktionsweise wird gerne übernommen. Diese ganzen Moralvorstellungen, die auch der Westen bzw. die Kolonisatoren nie je eingehalten haben, werden ad absurdum geführt. Zu diesem historischen Aspekt, also wann die Grundlagen für die Klimaveränderungen eigentlich begonnen haben, würde ich gern noch mehr erfahren.</strong></p>
<p>GP: Generell finde ich, dass der Frage, wie und wann alles anfing, zu viel Bedeutung beigemessen wird. Ab welchem ausgefallenen Haar genau hat man eine Glatze? Natürlich hat die Frage keinen Sinn: Eines Morgens schaut sich einer im Spiegel und stellt fest, dass er halt eine Glatze hat. Das Bewusstsein kommt immer nachträglich. Andererseits kann die Vorstellung der Wirklichkeit vorausgehen. Und sind nicht dann die Grundlagen irgendwie bereits vorhanden? Ich habe letztens gelesen, dass im 18. Jahrhundert ein Jesuit, Louis-Bertrand Castel, vermutlich der erste war, der behauptet hat, der Mensch sei imstande, das Klima zu verändern. Er wurde damals für einen Spinner gehalten. Die Einsicht hatte er nicht aus empirischer Forschung, obwohl es mit der Kolonisierung Amerikas schon Anzeichen gab, wie sich lokal Klimaverhältnisse durch menschliche Eingriffe veränderten. Aber das war von ihm eine logische Überlegung, ausgehend von der Frage: Was unterscheidet die menschliche Aktivität von den Tieren und Pflanzen? Es war genau die Zeit, als die Naturwissenschaft so einen Aufwind hatte. Nach Castel ist der Mensch kein rein natürliches Wesen, sondern ein künstliches. Die Sphäre des Künstlichen unterscheidet ihn von der Natur, und sie kann beliebig ausgedehnt werden. Er züchtet Tiere und Pflanzen, extrahiert Mineralien, es gibt eigentlich keine richtige Grenze, und irgendwann wird er wohl das Klima verändern.<span id="more-786"></span></p>
<p>Weil Castel Jesuit war, hing er an der Idee des freien Willens. Wenn du nicht die Freiheit hättest, zwischen Gutem oder Bösem zu entscheiden, wenn du von der Natur komplett beherrscht wärst, dann gäbe es keine Sünde. Darum war für ihn die Möglichkeit der Klimabeeinflussung nicht unbedingt ein Fortschritt. Es liege an der menschlichen Freiheit, ob die Auswirkungen gut oder böse ausfallen. Castel war zu sehr Theologe und zu wenig Philosoph, um einen Platz in der kanonischen Geschichte der Aufklärung zu bekommen. Aber heute wird er wiederentdeckt als einer der Vorreiter der Anthropozän-Theorien. Es gibt jetzt eine neue Geschichtsschreibung, die sich sehr darauf konzentriert, wie eigentlich diese künstliche Sphäre funktioniert und diese Umformung des Planeten. Insbesondere nach 1492 und der Kolonisierung Amerikas lässt sich die Entwicklung eindeutig nachverfolgen. Ich bleibe aber der Meinung, dass die entscheidende Phase die Industrialisierung im späten 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war. Mit der vermehrten Energiegewinnung, dem Bevölkerungszuwachs und der Neuorganisation der Arbeit kommt dieser Prozess wirklich in Fahrt. Das lässt sich in vielen Tabellen und Grafiken nachlesen. Auch die berühmte Klimakurve beginnt dann nach oben zu schießen.</p>
<p>NBIZ: <strong>Das beschreibt Andreas Malm in seinem Buch „Fossil Capital“ sehr ausführlich, wobei es dem damaligen Kapital hauptsächlich darum ging, die Kontrolle über die Arbeitskräfte zu verbessern, und dass es nicht unbedingt nur der technische Fortschritt von der Wasserkraft zu der mit Kohle betrieben Dampfmaschine war, sondern die Verfügung und die bessere Kontrolle über die städtischen Arbeitskräfte. Das ist heute zur Perfektion gebracht worden, wenn man an die ganzen modernen Überwachungstechniken denkt, die in den letzten 40 Jahren eingeführt worden sind, nachdem sich der Neoliberalismus breitgemacht hat. Wie siehst du diesen Aspekt?</strong></p>
<p>GP: Ich finde, Malm neigt hier leicht zur Verschwörungserzählung, als ob sich damals Kapitalisten gesagt hätten: „Liebe Kollegen, lasst uns eine industrielle Revolution machen, damit wir die Arbeitskräfte besser überwachen.“ Nein, das, worum es hauptsächlich ging, war die Kapitalvermehrung. Die Kontrolle über der Arbeiter war bloß eine Bedingung davon. Und wesentlicher noch, so zumindest die These in meinem Buch, war die Enteignung der Praxis, die mit dem Übergang vom Handwerk zur Industrie einherging. Da sind wir wieder bei Günther Anders. Was unterscheidet die industrielle Maschine von einem Werkzeug ? Die Maschine ist nicht bloß die Verlängerung oder Potenzierung der Kräfte ihrer Nutzer, sondern sie denkt für sie, bestimmt was sie zu tun haben, in welchem Tempo usw. Sie ist nicht mehr die Dienerin des Arbeiters, sondern der Arbeiter wird zu ihrem Diener. Da ist Überwachung ein noch zu niedlicher Ausdruck. Es geht um den Verlust der geistigen Kontrolle über das eigene Tun, was durch den Begriff der Entfremdung sehr gut beschrieben wird. Mit dem Aufstieg der sogenannten künstlichen Intelligenz erleben wir heute eine weitere Stufe der Proletarisierung, die um 1840 in den Fabriken von Manchester begann.</p>
<p>NBIZ: <strong>Ist es das, was du Marx zitierend mit der „Entfremdung als die zwangsläufige Auswirkung der Entfaltung der Warenlogik auf die Subjektivität“ beschreibst?</strong></p>
<p>GP: Naja, jetzt wäre die Frage eher, was von der Subjektivität überhaupt übrigbleibt. Früher wurde die Automatisierung mit dem Argument rechtfertigt: Bald werden die Maschinen die ganze Drecksarbeit machen, dadurch werden die Menschen mehr Zeit haben, um sich kreativ zu betätigen. Jetzt übernehmen intelligente Maschinen auch noch die kreativen Tätigkeiten! Sie schreiben Bücher, machen Musik etc. Und was bleibt den Menschen? Sie schauen zu, wie sich die Intelligenz von ihnen losgelöst hat und selbständig agiert. Und dennoch haben sie immer weniger Zeit für sich.</p>
<p>NBIZ: <strong>Jetzt müssen wir vielleicht auch noch mal auf die Reaktion auf die vielen Krisen kommen, die Du alle zusammengefasst als Desaster bezeichnest. Dein wunderbarer Spruch Krieg den Symptomen, Friede den Ursachen, dass die Politik in eine Richtung geht, die völlig entgegen dem ist, was eigentlich getan werden müsste. Der schreckliche in vielen Ländern aufstrebende Nationalismus, der Kampf gegen die Migration, überall neue Mauern, autoritäre Regierungsformen, lückenlose Überwachung und sich neu bildende, fragwürdige Allianzen. Sehr spannend sind die Spekulationen, dass wenn Trump noch einmal Präsident wird, die USA der BRICS beitreten werden. Dieser Wirtschaftsverbund garantiert den freien Kapitalfluss, aber die Teilnehmer dieser Allianz verurteilen nicht die Unterdrückungstechniken der anderen, die sie selbst benutzen. Das sind Tendenzen, die auch zeigen, dass die vom Westen hochgehaltenen demokratischen und freiheitlichen Werte ziemlich im Argen liegen. Die Frage ist nach den politischen Reaktionen auf diese immer vielfältigeren Krisen und was für Antworten momentan gegeben werden können.</strong></p>
<p>GP: Es geht ja nicht nur um politische Reaktionen. Auch um den Zustand des medialen Systems und natürlich auch der Industrie. Wie gesagt, allein von einer Klimakrise zu sprechen ist schon eine mächtige Verengung des Problems. Die Klimaerwärmung ist das Fieber und nicht die Krankheit. Solange der Fokus auf Symptom-Behandlung liegt, wird der Frage ausgewichen, warum sich das Klima erwärmt. Man konzentriert sich darauf, technische Lösungen zum CO2 Ausstoß zu suchen, bringt wunderbar neue Industrieprodukte auf den Markt, und die Ursachen werden nicht angetastet. Und doch ist das Klima nicht das einzige Symptom, weitere gibt es zuhauf: den Zugang zu sauberem Wasser zum Beispiel, die Abholzung, den Stickstoffkreislauf und vor allem das massive Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Damit lässt sich aber kein Geld verdienen, deswegen werden solche Faktoren vernachlässigt. Es mag für all diese Phänomene jeweils partikulare Gründe geben, aber sie korrelieren miteinander.</p>
<p>Und natürlich hängen alle mit einer bestimmten Art der Übernutzung des Planeten und einer Art des Wirtschaftens zusammen, die sich Kapitalismus nennt. Das ist schon seit 200 Jahren bekannt und daran ist nicht zu zweifeln. Besonders traurig finde ich dabei, dass das Bewusstsein vor 50 Jahren weiterentwickelt war als heute. Sicher war der Club of Rome keine revolutionäre Vereinigung, sondern eine Ansammlung von Technokraten, die das industrielle System umstellen und retten wollten. Immerhin waren die Grundprobleme damals erkannt und analysiert worden, und selbst das ist verloren gegangen. Es wird nicht mehr strategisch und langfristig gedacht. Das ist vielleicht noch am beunruhigendsten. Die Politik läuft hinterher. Dass sie irgendetwas verändern konnte, daran glaubt eh niemand mehr. Auf der nationalen und staatlichen Ebene kann nichts Wesentliches getan werden. Die Herausforderung ist ja eine globale. Die Erderwärmung kennt keine nationale Grenze. Und die gegenseitigen Abhängigkeiten im Weltmarktsystem lassen Einzelländern keine Spielräume zu. Schaut man mal auf China, Afrika und Europa, da kann von Kooperation und gemeinsamer Regulierung keine Rede sein. Vor 50 Jahren gab es zumindest die Idee, dass globale Institutionen die Problemen regeln könnten.</p>
<p>NIBZ: <strong>Hat sich die Politik durch den Liberalismus selbst entmündigt?</strong></p>
<p>G.P.: Ja. Meine Hypothese ist sogar, dass es damals gerade die Funktion des Neoliberalismus gewesen ist, eine konsequente Abkehr von umweltzerstörendem Wachstum unmöglich zu machen. Denn das hätte die Entstehung supranationaler Institutionen bedeutet, die verbindliche Regeln und natürlich auch Verbote ausgesprochen hätten. Die Reaktion des Kapitals war: Nur über meine Leiche! Anstatt den Stoffwechsel mit der Umwelt zu regulieren, wurde alles dereguliert und dem Markt überlassen. Die UNO wurde dadurch immer überflüssiger, und alle paar Jahre wird eine Klimakonferenz ausgerufen, die ihre guten Vorsätze und ihre Ohnmacht kundtut.</p>
<p>NBIZ: <strong>Du bist zwar nicht konsequent, aber hast eine Kritik an diesem ewigen Wir-sagen. Wir müssen, wir sollen, denn es ist fünf vor zwölf! Wir, ja! Unbedingt! Beim nochmaligen Lesen habe ich dann gesehen, dass du manchmal doch das Wir gebrauchst. Würdest du da noch etwas zu sagen können?</strong></p>
<p>G.P. Ich bin natürlich nicht für ein absolutes Verbot des Personalpronomens Wir. Wenn ich sage: „Wir trinken jetzt ein Kaffee“, dann sind ganz klar die vier Menschen hier in diesem Raum gemeint. Auch „wir Menschen“ im Unterschied zu sonstigen Tieren ist ein klar bestimmtes Kollektiv. Da gibt es keine Ambiguität. Was ich kritisiere, sind all diese Sachbücher, die Monat für Monat auf den Markt kommen: „Wie wir die Welt verändern können“, „Wie wir neu denken müssen“. Wer ist da gemeint? Das wird nie gesagt, als ob alle Teil einer Community seien und gleichberechtigt mitreden und mitentscheiden könnten. Dieses Wir ist nichts als Augenwischerei.</p>
<p>NBIZ: <strong>Das Wir ist eigentlich mit Einführung des Neoliberalismus ad absurdum geführt worden, wo gesagt wurde, eine Gesellschaft als solche gibt es nicht. Es gibt nur den einzelnen Menschen, was eine Untergrabung des Wir und der solidarischen Handlungsweisen ist. Sollte man dies so verstehen?</strong></p>
<p>G.P.: Ja, und ich meine, bezogen auf die Klimaproblematik: Von wem ist eigentlich die Rede? Nicht von der Menschheit an sich. Natürlich gibt es einen Riesenunterschied zwischen Menschen in Afrika und Menschen in Europa und innerhalb von Europa zwischen den Menschen, die unter die berühmten 1%, vielleicht sogar nur 0,1 % fallen, die die meisten Klima-Emissionen verursachen. Welchen Einfluss hat der Bürgergeldempfänger? Bei Klima-Emissionen gibt es eben kein Wir. Verschleiert wird die riesige Ungleichheit, nicht nur in Einkommen und Konsum, sondern auch in der Entscheidungsmacht. Die Idee vom Anthropozän besagt eigentlich, dass Wir, die Menschheit, den falschen Weg genommen haben. Aber wenn man genau hinschaut, sind die folgenschweren Entscheidungen immer von einer winzigen Minderheit getroffen worden. Die anderen wurden nicht gefragt. Das heißt nicht, dass sie unbedingt bessere Entscheidungen getroffen hätten. Aber man darf nicht so tun, als ob Menschen immer so ganz demokratisch und einstimmig entschieden hätten, z.B. Autos zu fahren, oder Atomstrom zu nutzen. Und das primäre Ziel solcher Entscheidungen war nicht, der Menschheit oder der Gemeinschaft zu dienen, sondern immer Geld zu verdienen. Da verschwindet dieses Wir vollkommen!</p>
<p>NBIZ: <strong>Du zitierst Valery: “Es ist notwendig, die Geister für das Schicksal des Geistes zu interessieren.“ Du erwähnst dann ein paar Leute, die sich um den Begriff des Geistes Gedanken gemacht haben. Hast Du denn eigentlich eine eigene Meinung dazu? Das weiß ich gar nicht. Ich lese es dir mal vor, was du schreibst: „Die Umwelt der Lebenden ist vom Geist der Ahnen beseelt. Geist sei also weder Objekt noch Subjekt, sondern eine Dynamik, eine wechselseitige Beziehung zwischen Psyche und Medium wie zwischen Individuum und Gattung.“ (S.157).. Könntest du über dieses ominöse Wort Geist ein paar weitere Gedanken verlieren?</strong></p>
<p>G.P.: Ominös ist das Wort tatsächlich, weil es meistens individuell verstanden wird, also das Begleitstück von „Körper“. In Englisch gibt es deswegen zwei Begriffe, mind und spirit. Wie Valery und auch Hegel verwende ich Geist im Sinne von Spirit, also die Summe der menschlichen Erfahrungen, vergangenen wie aktuellen. Wir „haben“ keinen Geist, wir schwimmen im Geist. Mir ist der Begriff deswegen wichtig, weil zurzeit eine kitschige Denkschule in Mode ist, die zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen nicht mehr unterscheiden will. Im Gegensatz zum Tier gibt es aber zwischen Mensch und Bedürfnis eine ganze Welt. Da sind wir wieder bei Castels künstlicher Sphäre. Der Kaffee, den wir jetzt trinken, kommt aus Kongo, der Zucker aus Brasilien, die Tasse aus China, der Löffel meinetwegen aus Norwegen, und all diese Dinge sich möglicherweise auf philippinischen Frachter verschifft worden. Da steckt schon der ganze Welthandel in einer Tasse!</p>
<p>Und nicht nur das. Die Kaffeepflanze wurde vor Jahrtausenden in heutigem Äthiopien gezüchtet, und bis zu unserem heutigen Kaffeegenuss verläuft eine lange Geschichte von Traditionsvermittlung, technischen Weiterentwicklungen, Tauschgeschäften, Sklaverei, Kolonialismus, Finanzspekulation, allerlei geistigen Prozessen. Dabei erstreckt sich diese Dynamik weit über die unmittelbaren Bedürfnisse hinaus. Fürs Überleben ist Kaffee nicht notwendig. Zucker auch nicht. Das heißt: Es entstehen andere Werte. Das meine ich erstmal ohne jede Bewertung. Es gibt nicht nur moralische oder kulturelle Werte, sondern ganz banal das, was überhaupt als wertvoll betrachtet wird. Auf dieser Ebene gilt das genaue Gegenteil von dem, was ich vorhin behauptet habe: Es gibt kein Ich. Jeder ist in einem Netzwerk von Meinungen, Praktiken und Wertsetzungen gefangen, die unabhängig von ihm existieren. Und es sind nicht bloß Vorstellungen, die über die wirkliche Welt so schweben würden. Valery definierte der Geist als „transformative Kraft“. Dadurch wird die ganze Erdoberfläche umformt.</p>
<p>NBIZ: <strong>Du erwähnst die von Wladimir Wernadski so benannte Noosphäre. Ist das nicht die geistige Sphäre?</strong></p>
<p>G.P.: Ja klar, Noos oder Nous ist altgriechisch für „Geist“. Wernadski hat allerdings eine nicht-religiöse Auffassung davon. Nicht der Heilige Geist ist gemeint, auch nicht das „Schöngeistige“, die Poesie und so weiter, sondern bei ihm hat Geist immer auch mit Technik zu tun, mit materiellen Veränderungen. Er hat ein materialistisches Verständnis von Geist.</p>
<p>NBIZ:<strong> Ja, ja, da kommen wir vom Geist aber jetzt zunehmend zum Müll. Und der Müll ist ja auch vieles, was der Geist schon erkannt hat und was ständig wieder ad absurdum geführt wird. Der Geist wird nicht richtig recycelt. Wird vieles nicht einfach vergessen?</strong></p>
<p>G.P.: Vergessen oder nicht betrachtet, ob bewusst oder unbewusst. Schließlich ist die Frage nicht so wichtig, ob bestimmte Erkenntnisse gewollt oder unfreiwillig unterdrückt worden sind. Ich zitiere zum Beispiel Stanley Jevons aus dem 19. Jahrhundert, der damals schon voraussagte, dass die kohlebasierte Wirtschaft nicht von Dauer sein konnte. Sein nach ihm benannten Paradoxon lautet, dass eine Steigerung der Energieeffizienz nicht weniger, sondern mehr Verbrauch zur Folge hat. Man konnte also damals schon wissen, dass die Fossilwirtschaft negative Folgen haben würde. Heute wird so getan, als ob wir um eine Erkenntnis reicher seien, die früher leider gefehlt habe. Wer hätte dran gedacht, dass die Umwelt nicht mehr brauchbar sein wird, Tierarten verschwinden und die Luft schlecht wird? Doch im 18. und 19. Jahrhundert gab es Kritik im vollen Bewusstsein, dass die Industrialisierung Müll entstehen lässt. Das wurde aber damals erstmal für unwichtig gehalten.</p>
<p>NBIZ:<strong> Heute werden immer noch viele Sachen als unwichtig angesehen, die keine neuen Erkenntnisse zu sein scheinen. Wie erklärst Du Dir das?</strong></p>
<p>G.P.: Es gibt sichtbaren Müll und unsichtbaren. Zum Beispiel wird jetzt als ökologisch verkauft, dass man für ein Arbeitstreffen, anstatt das Auto zu nehmen oder zu fliegen, sich über das Internet trifft. Dennoch erzeugen auch digitale Netzwerke eine Menge CO2-Ausstöße. Aber diesen Müll sieht und riecht man nicht. Hierzulande sieht doch alles ganz sauber aus. Anders als in den 70er Jahren können wir sogar in dem Rhein baden und die gute Luft atmen. Aber nur weil der ganze Dreck in andere Länder verlagert wird. Nicht nur die schmutzigen Industrien, sondern auch die Beseitigung und Verbrennung unseres Plastik- und Elektroschrotts.</p>
<p>NBIZ: <strong>Einer deiner Gewährsleute neben Günther Anders ist Ivan Illich. Könntest du über ihn etwas sagen?</strong></p>
<p>G.P.: Du meinst, was Illich für eine Philosophie hatte? Er war erstmal eine faszinierende Persönlichkeit. Illich hat in den unterschiedlichsten Bereichen geforscht. Was ich bei ihm sehr einleuchtend finde, ist der Begriff der Kontraproduktivität, den er geprägt hat. Er zeigte dies am Beispiel des Autos auf. Du kaufst ein Auto, weil du denkst, mit dem Auto bist du schneller. Aber weil viele so wie du denken, steckst du im Stau. Damit nicht genug: Wenn du nicht nur die Zeit rechnest, die du für die Fahrt brauchst, sondern dazu die Arbeitszeit addierst, die nötig war, um dein Auto zu kaufen, Benzin zu tanken, usw., dann ergibt sich das, was Illich „reale Geschwindigkeit“ nennt, also die gesamte Zeit, die verwendet wurde, um soundso viele Kilometer zu fahren. Und Illich rechnete damals, dass die reale Geschwindigkeit eines Autos gerade mal sechs Kilometer pro Stunde beträgt. Je teurer das Auto, desto geringer die Geschwindigkeit. Solche Gedanken fand ich interessant, weil das geht über diese Idee von Verzicht hinaus. Gewöhnlich wird Konsumkritik mit Verbot, Entsagung und freiwillige Armut assoziiert. Aber ist einem die Absurdität kontraproduktiver Vorgänge bewusst, dann kann man leichten Herzens darauf verzichten. Und das betrifft nicht nur das Auto. Kontraproduktive Effekte hat Illich in Städtebau, Bildung, Gesundheitssystem nachgewiesen.</p>
<p>Das gefällt mir an ihm: Seine Kritik war keine verbissene, sondern eine fröhliche. Wenn man Illich liest, fühlt man sich heiter. Anders als bei gewöhnlichen kritischen Theoretikern. Da macht die Lektüre meistens schlechtgelaunt, weil sowieso am Ende alles scheiße ist. Illichs ironische Betrachtungsweise verändert deinen Blick auf die Welt. Dabei war er ein Praktiker, er war in Mexico, Puerto Rico und auch sonst in Südamerika aktiv. Er war auch einer der ersten Kritiker der Entwicklungshilfe. Seiner Meinung nach sind Entwicklungshelfer die modernen Missionare und Kolonialbeamten, weil sie abstrakte Lösungen anbieten, die an den Fertigkeiten und dem Können der einheimischen Bevölkerung völlig vorbeigehen. Favela-Bewohner wissen besser als irgendwelche Experten was ihnen fehlt, was sie brauchen und auch was sie aufbewahren wollen. Anstatt auf sie zu hören, wird aber meistens alles platt gemacht und ihnen ein technokratischer Plan auferlegt. Illich hegte große Hoffnungen in die Dritte Welt. Er dachte, dass Bevölkerungsgruppen, die mit der westlichen Lebensweise noch nicht völlig kontaminiert sind, auf die eigene Kultur, die eigene Technik zurückgreifen könnten. Weil sie mehr an ihrem Ort verbunden sind, seien sie für die kommenden Katastrophen besser gewappnet als die Bewohner der reichen Länder, die von Staat und Kapital völlig abhängig sind. Das meinte allerdings Illich vor 50 Jahren. Heute würde ich mehr Zweifel haben. Einfach weil die Zerstörung auch in den armen Teilen der Welt massiv zugenommen hat. Was nutzt den Amazonas-Völkern eine Tradition, die mit ihrer Umwelt völlig in Einklang war, wenn die Amazonas komplett abgeholzt werden?</p>
<p>NBIZ: <strong>Was bezeichnest Du mit Heteronomie?</strong></p>
<p>G.P.: Heteronomie ist das Gegenteil von Autonomie. Illich nannte es „modernisierte Armut“. Es ist die Unmöglichkeit, auf Wissen, Methoden und Techniken zu greifen, die am Ort historisch gewachsen waren, weil diese verlernt worden sind. Folglich ist man staatlichen und marktförmigen Strukturen völlig ausgeliefert.</p>
<p>NBIZ: <strong>Ich möchte noch mal auf Günther Anders zurückkommen. Wenn der von Wir redet, meint er ja die ganze Menschheit, die z.B. durch die Atomtechnik bedroht ist. Anscheinend spielen heute einige Kapital-Fraktionen mit dem Gedanken, wie im Fall Russland, es auf einen Atomschlag ankommen zu lassen. Das greift zum Beispiel die kluge Mitarbeiterin der taz, Ulrike Hermann, auf, wenn sie sagt: „Europa braucht jetzt auch Atomwaffen“. Und der ehemalige Leiter der Heinrich Böll Stiftung, nunmehr Geschäftsführer des finsteren European Resilience Initiative Center, Sergej Sumlenny findet: „Der sicherste Weg zu einem nachhaltigen Frieden ist es, das nukleare Russland zu zerstören. Einige Atombomben könnten dabei explodieren, aber sie werden ohnehin explodieren.“ Die Liste der Kriegslüsternen, die so reden, wächst täglich. Vor allem angloamerikanische Kapital-Fraktionen scheinen diese Idee zu forcieren. Wohl, weil einige kalkulieren: „Wir überleben das“. Wenn ein paar Milliarden Menschen oder wie viel auch immer dabei draufgehen, dem Planeten tut das nur gut. Das ist auch eine Art von Öko-Politik. Sie bereiten sich auf einen Atomkrieg vor und erwerben gleichzeitig sichere Villen auf Neuseeland. Eine andere Kapital-Fraktion, nenne wir die die Silicon-Valley-Highflyer, will anscheinend auf den Mars ausweichen. Wie stehst Du zu dieser Problematik?</strong></p>
<p>G.P.: Ich glaube, der Unterschied ist, dass es früher, das heißt also im Verlauf des Kalten Krieges, vor allem diese zwei großen Atommächte gab, wo jeder genug Bomben hatte, um die Erde dreimal zu zerstören. Es ging um Abschreckung, nach dem Motto: Wenn du anfängst, okay, dann ist in drei Minuten auch für dich alles vorbei. Seitdem sind sogenannte taktische, also kleinere Atombomben vermehrt gebaut worden, mit dem Kalkül, dass diese eingesetzt werden können, ohne dass es zu einem finalen Showdown kommt. Dazu kommt, dass neben den USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich mittlerweile auch Pakistan, Nordkorea, Israel und vielleicht der Iran Atombomben haben. Das deutet auf potenzierte Kriege hin, aber wohl nicht auf die atomare Apokalypse, wie sie in den 50er oder 60er Jahren potenziell vorhanden war. Davon abgesehen ist die neue Kriegslüsternheit umso absurder, als die ungeheure Menge an Geld und Energie, die in Aufrüstung investiert wird, für die viel dringenderen und existenziellen Herausforderungen fehlt. Verwunderlich ist es nicht, dass dabei die Grünen an der vorderster Front sind, um die „Rettung des Klimas“ auf unbestimmte Zeit zu verschieben, denn wie K.I.Z. singen: „Erst müssen wir gewinnen, ey“.</p>
<p>NBIZ: <strong>Die möglichen Klimafolgen sind noch nicht geklärt und auch nicht die von der Strahlenbelastung verursachten genetischen Veränderungen bei Flora und Fauna in Tschernobyl. Darüber hinaus weiß man heute noch nicht, was der aktuelle konventionelle Krieg in der Ukraine für die Umwelt bedeutet. Relativiert das die Apokalypse durch einen Atomkrieg?</strong></p>
<p>G.P.: Es gibt zwei Sorten von nicht geklärten Dingen: Diejenigen, die man nicht klären kann, weil sie in der Zukunft liegen und kein Präzedenz haben. Falls sie doch eintreten, wird dann die Klärung zu spät kommen. Und es gibt die Dinge, die man nicht klären will. Zum Beispiel sterben heute noch in Algerien etliche Menschen an Krebs infolge früherer Atomversuche Frankreichs. Aber eine amtliche Bestätigung dafür gibt es nicht.</p>
<p>NBIZ: <strong>Für die Tierwelt und Pflanzenwelt hätte das auch einen Vorteil. In Amerika gibt es 8.000 riesige verseuchte Gebiete, die belebter sind als jeder Nationalpark. Also mehr Tiere und mehr Pflanzen. Weil es keine Nationalparks sind, dürfen Jäger, Angler und Touristen dort nicht rein. Das lässt die Flora und Fauna natürlich ungestörter.</strong></p>
<p>G.P.: Bei aller Liebe zu den Tieren und Pflanzen, ich sehne mich nicht nach einer menschenleeren Erde.</p>
<p>NBIZ: <strong>In den von Tschernobyl verseuchten Gebieten, in Weißrussland und der Ukraine, will man auch einen Nationalpark machen. Der hätte das Nukleare dann schon im Namen. Das ist wahrscheinlich erst mal durch den Krieg gestoppt. Nach dem Krieg kann die halbe Ukraine ein Nationalpark werden. Wir sind jetzt schon bei dem Schlimmsten angelangt. Du plädierst dafür, dass vor dem grassierenden Desaster zu mindestens das Denkvermögen zu retten sei. Ich weiß auch noch nicht, wie genau das geschehen soll. Wobei du explizit darauf beharrst, keine Handlungsanweisungen geben zu wollen. Das ist eine These oder eine Forderung, die ich nicht ganz genau verstanden habe, wie das passieren soll? In deinem 115. Kapitel beschreibst du eine Vision. Die Proteste nehmen zu. Die Leute kommen wieder zu kleineren oder größeren Widerstandsformen. Im Augenblick gibt es von den Bauern diese Traktordemos. Die gibt es in Indien, Italien, Griechenland und Polen. Aus diesem Kapitel kann man einen kleinen Hoffnungsschimmer lesen, oder?</strong></p>
<p>G.P.: Der Begriff der Hoffnung interessiert mich nicht. Ebenso wenig die Pseudoalternative zwischen Optimismus und Pessimismus. Hoffnung, meinte Günther Anders, ist ein anderes Wort für Feigheit. Finde ich als Definition nicht schlecht. Rezensenten meines Buches haben es als sehr pessimistisch beschrieben, aber das ist ein Missverständnis, denke ich. Meine Absicht war es jedenfalls nicht. Im Buch wird auch Mike Davis zitiert, der meinte: Menschen kämpfen nicht aus Hoffnung, sondern aus Liebe und Zorn. Letztlich gab es in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel zur Klimaerwärmung, und die Leser konnten klicken zwischen einer pessimistischen und einer optimistischen Version des Berichts. Die Fakten sind dieselben, aber man kann sie so oder so darstellen. Vermutlich ist es das, was letztendlich von der Demokratie übrigbleiben wird. Am Tag danach gab es in derselben Zeitung einen Leitartikel mit dem Titel, eigentlich einem Zitat von Karl Popper: „Optimismus ist Pflicht“. Das klingt doch wie eine Drohung! Mich macht diese Pflicht zum Optimismus erst recht pessimistisch. Wenn man die Herkunft des Wortes Optimismus sucht, gelangt man auf die Theodizee von Leibniz, also die Vorstellung, wir lebten in der optimalen Welt. Sogar Gott konnte keine bessere schaffen. Einiges ließe sich vielleicht noch optimieren, aber nur im Rahmen der bestehenden Ordnung. Es gibt keine Alternative: das ist die eigentliche Botschaft des Optimismus. Wenn ich schreibe, dass man versuchen kann, zumindest das Denkvermögen zu retten, dann eben angesichts dieser Art von Haltung, die da verpflichtend propagiert wird. Ja, man muss unbedingt positiv sein. Hoffnung stirbt zuletzt, usw. Diese quasi religiöse Sicht angesichts des Desasters finde ich ziemlich fatal. Jeder sollte versuchen, sich frei davon zu machen. Man fühlt sich dann auch viel besser.</p>
<p>NBIZ: <strong>Aber du hoffst, dass diese Proteste weitergehen.</strong></p>
<p>G.P.: Es hat mich gefreut, dass die Tesla Erweiterung von 2/3 der dortigen Bevölkerung abgelehnt worden ist. Es hätte überhaupt keinen Bau dieser Fabrik geben dürfen. Und es hat mich noch mehr gefreut, dass Saboteure die ganze Fabrik für ein paar Tage lahmlegen konnten. Good job! Solche Protestaktionen sind wichtig, und zwar unabhängig davon, ob sie erfolgsversprechend sind oder nicht. Hoffnung spielt dabei keine Rolle, es ist einfach eine Frage der Selbstachtung, dagegen zu sein.</p>
<p>NBIZ: <strong>Ich sehe das Buch ein bisschen analog zu Adornos „Minima Moralia“. Immer wenn du an deiner Lektüre Vergnügen hattest, hast du ein neues Kapitel geschrieben. Dabei hast du dir eine Art von zwei Leitplanken vorgegeben, dass du nicht ganz abdriftest. Ich würde dies jetzt nicht als Aphorismen bezeichnen. Diese 123 Kapitel kann man nur gewaltsam synthetisieren. Da fällt dann wieder vieles raus. Was ist jetzt die Quintessenz? Oder worauf wolltest du hinaus? Wo ist die rote Linie?</strong></p>
<p>G.P.: Die erste Motivation ist immer: Man sucht nach Dingen und findet sie in keinem Buch, deswegen schreibt man sie. Es sind Essays, die ich schreibe. Essays sind eben nicht wie philosophische Traktate mit einer Demonstration von A nach B nach C, die man mit einem roten Faden verfolgen kann. Diese 123 Essays mäandern. Das war schon so bei Montaigne, der ja der Begründer des Genres war. Kleine Texte, wo man nicht unbedingt sofort eine logische Abfolge erkennt, sondern man einen Gesamteindruck durch die verschiedenen Facetten bekommt. Ich glaube, um die jetzige Zeit zu beschreiben, fehlt mir der Überblick, und es geht nicht nur mir so. Ich sehe nicht, wie man eigentlich heutzutage einen Überblick haben kann und deswegen habe ich versucht (Essay heißt „Versuch“), verschiedene Aspekte herauszupicken und die dann in möglichst kurzen Blöcken zusammenzufassen. Mich interessiert die Form auch stilistisch, denn man verpflichtet sich dann, stringent zu sein, keine überflüssigen Sätze zu schreiben, sich maximal zu konzentrieren, um diese Vielfältigkeit zu ermöglichen. Die Einheit davon bin ich selbst. Im Schreibprozess wird alles integriert, was ich auf dem Weg finde. Daher kommt auch die Pandemie vor. Die gute Seite des Lockdowns war, ich hatte meine Ruhe und konnte mich auf das Schreiben konzentrieren. Es gab ja nichts anderes zu tun, und das war eine willkommene Ablenkung. Viele Dinge, die ich erwähne, würde ich eher als Hypothesen beschreiben. Wobei ich mir nicht mal ganz sicher bin, ob sie unbedingt stimmen. Zusammen genommen war das Schreiben eher eine Art Übung. Wenn Autos, Maschinen oder Killer Drones autonom werden, ist es ratsam zu versuchen, selbst autonom zu denken.</p>
<p>NBIZ: <strong>Bei den Themen, die du beschreibst und bei den vielen angesprochenen Ebenen ist eine Stringenz nicht möglich. Das scheint problematisch, aber ich habe mich nicht daran gestört, weil die Lektüre dieses Buch mich sehr erleichtert hat, da wir auf das Desaster nicht mehr warten müssen, denn es ist schon da!</strong></p>
<p>P.G.: Das freut mich (deine Erleichterung meine ich!)</p>
<p>NBIZ: <strong>Du hast im Untertitel den Begriff Denkweisen wieder hervorgeholt. Günther Anders, Ivan Illich und neuere Autoren wie Bruno Latour, Dipesh Charkrabarti, etc.. Von diesen ganzen Problematiken, die über einem schweben, woher auch immer sie kommen. Du sagst klar, das ist genau das, was überall verdrängt wird. Das normale Leben läuft einfach weiter, und keiner schränkt sich ein, im Gegenteil. Die ganzen neuen Partikularkämpfe, die überall neu aufflammen, sind Ausdruck der Angst, das zu verlieren, was man hat. Viele bekommen Depressionen, wenn Börsen oder Wachstum nicht ständig steigen. Dies könnte man als erfolgreiche Verdrängung bezeichnen, oder wie siehst Du das?</strong></p>
<p>G.P.: Verdrängung ist tatsächlich das Stichwort. Ich habe ein Buch gegen die Verdrängung geschrieben, so kann man es maximal knapp zusammenfassen. Gegen das organisierte Vergessen vergangener Autoren und Theorien, gegen die Verneinung des Offensichtlichen, gegen die Flucht ins Irrationale, und vor allem gegen die zurzeit bevorzugte Strategie der Medien und der Politik, die Existenz von Problemen zuzugeben, um sie gleich zu verniedlichen und verharmlosen. Die Pflicht zum ständigen Optimismus resultiert aus der Angst vor Negativität. Aber irgendwann rächt sich die verdrängte Negativität. Besser ist, sich darauf gefasst zu machen.</p>
<p>Für die NBIZ führten Helmut Höge und Peter Oeltze von Lobenthal das Gespräch mit Guillaume Paoli.</p>
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		<title>Gibt es eine Alternative zur Alternative?</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Mar 2020 11:21:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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<p>&nbsp;</p>
<p>In der Tat ist Alternative ein fragwürdiger Begriff. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es sich um einen Begriff im eigentlichen Sinne handelt, so beliebig die Verwendung der Vokabel ist. Das hängt bereits an ihrer Doppeldeutigkeit. Zum einen bezeichnet Alternative eine Handlungsoption, gegenwärtig unterlegen, doch vermeintlich besser als die hegemoniale – also die Alternative <em>zu</em> etwas. Zum anderen bezeichnet aber das Wort die <i>Möglichkeit</i><b> </b>selbst, zwischen zwei Optionen zu wählen – Man wird „vor einer Alternative gestellt“.</p>
<p>Aufstehen oder weiterschlafen, reden oder schweigen, einsteigen oder zurückbleiben: Zu jeder Entscheidung, die man im Alltag trifft, gibt es eine Gegenmöglichkeit. Auf diesem Niveau ist die Alternative so banal, dass sie keiner weiteren Erläuterung bedarf. Anders allerdings die Anwendung des Wortes auf große, politische oder soziale Zusammenhänge, also <i>die </i>Alternative, wie wir sie heute besprechen wollen. Da stolpert man auf nicht unerhebliche Probleme, und ehe wir mit der Diskussion beginnen, möchte ich ein paar Steine auf dem Weg aufzeigen.</p>
<p>Angefangen mit dem Verhältnis der alternativen Blaupause zum herrschenden Modell. Es ist nämlich so: Sobald zwei Gegensätze in Verbindung gebracht werden, wird eine gemeinsame Ebene implizit anerkannt. Die Polarisierung bedingt ein Schwingungsfeld. Wer Plan B sagt, muss sich auf Plan A beziehen.  So selbstverständlich ist das nicht. Zum Beispiel würde niemand auf die Idee kommen, die Gleichstellung von ethnischen oder sexuellen Gruppen als eine „Alternative“ zum Rassismus oder Sexismus zu bezeichnen. Weil Rassismus oder Sexismus keine Optionen sind, deren   Vor- und Nachteile gegenüber der anderen Position zur Diskussion stehen.</p>
<p>Warum wird überhaupt zur Alternative gegriffen? Meistens schwingt bei dem Begriff der Drang mit, etwas der Frage entgegnen zu können: „Ja, du kritisierst immer, aber was schlägst du denn konkret vor?“ Schnell gerät man dann in die Falle der konstruktiven Lösungsvorschläge. Es ist deswegen eine Falle, weil der auf diese Weise definierte Möglichkeitsraum meistens wesentliche Faktoren ausschließt. Schauen wir nur, wie heute die gewaltige Herausforderung der Umweltkatastrophe auf erneuerbare versus fossile Energiequellen, sprich: auf eine rein technische Alternative verkleinert wird. So bleiben keine geringeren Aspekte außen vor als Produktionsverhältnisse, Eigentumsrechte, Konsumverhalten oder soziale Ungleichheit. Es ist natürlich nichts Verwerfliches daran, praktikable Lösungen zu entwerfen. Der Irrtum ist aber zu glauben, dass solche Vorschläge <i>konkret </i>seien. Das sind sie nicht, solange sie von ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang <i>abstrahiert </i>bleiben.<span id="more-777"></span></p>
<p>Eine andere Färbung bekommt der Begriff durch seine Adjektivierung: alternative Szenen, alternative Schulen, alternative Clubs, alternative Läden. Hier wird keine Zukunftsvision entworfen, sondern ein stattfindender Wettbewerb verkündet. Versucht wird nicht, die allgemeinen Gesellschaftsverhältnisse zu verändern, sondern sich von einem vermeintlichen „Mainstream“ abzusondern. Folglich werden Nischen geschaffen, in denen Anti-Normativität zu neuer Norm wird und, aus der Flucht vor Mainstream-Stereotypen, alternative Stereotypen produziert werden. Die letzten Jahrzehnte haben zu genügend gezeigt, wie sich solche Projekte in Kategorien des Marketings einwandfrei übersetzen lassen. Schließlich wird das Warenangebot erweitert, diversifiziert und mit dem guten Gewissen angereichert, auf der richtigen Seite zu stehen.</p>
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<p style="text-align: center;"> <a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/03/An-Alternative-ETF-Play-for-Rising-Interest-Rate-Risks.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-778" alt="An-Alternative-ETF-Play-for-Rising-Interest-Rate-Risks" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/03/An-Alternative-ETF-Play-for-Rising-Interest-Rate-Risks-300x200.jpg" width="300" height="200" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die gerade erwähnten Begriffswirrungen ließen sich leicht beschreiben. Etwas schwieriger wird es mit einem weiteren Aspekt. In der Ankündigung dieses Abends steht der Satz: „Die Alternative muss immer relativ zu etwas Bestehendem gedacht werden.“  Nur ist das Bestehende selten unipolar. Die Welt, wie wir sie vorfinden, ist bereits in zwei unversöhnliche Lager eingeteilt, deren Daseinsberechtigung die Abwehr der Gegenseite ist. Es gibt keinen Progressivismus ohne Konservatismus, keine Linke ohne Rechte, keine Tugend ohne Laster. Und immer stellt sich die Doppelfrage: Mit welchen Kriterien werden solche Gegensätze bestimmt, und in welcher Art von Verhältnis stehen sie zueinander?</p>
<p>Wer die Zeit des kalten Krieges erlebt hat, der weiß, wovon ich rede. Ständig wurde ein jeder dazu aufgefordert, sich zu einem der zwei konkurrierenden Lager zu bekennen. Im Westen wie im Osten wurden Oppositionelle und Häretiker systematisch als Abweichler und Agenten im Dienst des Feindes verunglimpft. Und wenn‘s dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben! Die Funktion dieser Polarisierung war offensichtlich. Keine Seite beabsichtigte, die andere endgültig zu besiegen, sondern wohl eher den Status-Quo im eigenen Lager aufrechtzuhalten. Gegen dieses Gleichgewicht des Schreckens bestand die einzig mögliche emanzipatorische Haltung darin, sich der realexistierenden Alternative zu entziehen.</p>
<p>Gewiss konnte man auch behaupten, dass die angebliche Alternative in Wahrheit keine mehr war und dass es eben darum ginge, sie wiederzubeleben. So schrieb Rudolf Bahro 1977 in seinem Buch <i>Die Alternative</i>: <i>&#8220;Es ist eine Konstante jeglicher Kirchenorganisation, dass ihre Reformation von ihren gläubigsten Ketzern ausgeht: den Tempel zerstören, um ihn schöner wiederaufzubauen. (&#8230;) Wie Kirchenreformation die christliche, so setzt Parteireformation die kommunistische Gesinnung voraus.“ </i></p>
<p>Besser kann nicht ausgedrückt werden, dass die Alternative, wie sie Bahro vorschwebte, fundamentalistisch geprägt war. Im Grunde wird nach der Rückkehr zur ursprünglichen Lehre gestrebt, welche durch die Unwägbarkeiten der Geschichte verunreinigt worden sei. Übrigens war von Bahro das Beispiel gut gewählt. Die Reformation endete ja mit dem Kompromiss „Cuius Regio, eius religio“ ­– sozusagen eine Vorwegnahme der friedlichen Koexistenz. Zur Alternative wurden jedoch weder Thomas Müntzer, noch die Libertinen und Atheisten gezählt.</p>
<p>Mangels Gläubigen fand die kommunistische Reformation nicht statt. Vergleichbar mit diesem chancenlosen Versuch sind heute die diversen Appelle an die Entscheidungsträger dieser Welt, sie mögen sich auf die demokratischen Werte zurückbesinnen, die Finanzmärkte moralisieren und den Planeten wieder in Ordnung bringen.  Zum Glück lässt sich die Geschichte nicht zurückdrehen. Auch nicht auf 1933 oder auf Ludwig Erhard.</p>
<p>Aber was wäre die Alternative zur Alternative? Vielleicht etwas Ähnliches, wie im frühen 19. Jahrhundert versucht wurde. Damals konkurrieren in Frankreich zwei neue politische Doktrinen: Liberalismus und Saint-Simonismus. Die Wahloptionen heißen: Entweder für die Freiheit in Ungleichheit oder für die Gleichheit in Unfreiheit. Auf der einen Seite die wilde Konkurrenz der Einzelinteressen, auf der anderen die allumfassende Kontrolle des fürsorglichen Staates. Dschungel oder Gefängnis: Wie kommt man aus der Alternative raus? Indem, meinen die Frühsozialisten, dem unversöhnlichen Paar Freiheit und Gleichheit ein drittes Prinzip hinzugefügt wird: Brüderlichkeit – man würde heute eher sagen: Solidarität.</p>
<p>Doch steht dieses Dritte nicht als eine weitere Wahloption neben beiden anderen. Im Gegenteil geht es darum, die fatale Polarität zu sprengen, oder hegelianisch ausgedrückt: beide Gegensätze aufzuheben. Denn selbstverständlich sind im Freiheitslager manche freier und im Gleichheitslager manche gleicher als die anderen.<b> </b>Allein durch das solidarische Prinzip können sowohl Gleichheit als auch Freiheit verwirklicht werden. Das war nicht bloß Klempnerei am Begriff. Ganz praktisch ging es darum, dem Dilemma zwischen Privateigentum und Staatseigentum mittels Sozialisierung zu entgehen. Wir merken jedoch, wie der Unterschied ein qualitativer ist. Während Privat- und Staatseigentum statische Institutionen sind, besteht Sozialisierung aus allerlei Experimenten, die immer wieder scheitern und vom Neuen unternommen werden. Hier Standpunkt, dort Bewegung: Da treffen wir auf das alte Verhängnis der Linken, nämlich ihre Doppelidentität. Bereits die Selbstbezeichnung zeigt, dass sie sich als Pol einer Alternative positionieren, nach deren Auflösung sie zugleich trachten.</p>
<p>Nur ist das Spiel mit der dialektischen Überwindung der Alternative zu einer Zeit schwierig geworden, die von der berüchtigten TINA-Formel geprägt ist: <i>There Is No Alternative</i>.</p>
<p>Die theoretische Begründung dafür kommt von Hayek. Die kapitalistische Marktwirtschaft, meinte er, sei nicht infolge bewusster Entscheidungen entstanden, sie habe sich von sich selbst entwickelt. Darum sei jeglicher Versuch zum Scheitern verurteilt, die spontane Ordnung der Dinge durch einen Plan zu ersetzen. Die bloße Vorstellung einer Alternative entspreche einer maßlosen Überschätzung der Macht des Willens. Der Haken daran ist, dass keine Gruppe so interventionistisch und autoritär gehandelt hat wie die Neoliberalen selbst. Ihre Vorstellung von Spontanität wurde mit Lobbyarbeit, Medienkampagnen, Gesetzgebungen und wenn es sein sollte mit Polizeiknüppeln und Armeepanzern aufgedrängt.</p>
<p>Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass die Tina-Formel eine rein propagandistische Behauptung gewesen sei. Der Diskurs ist nebensächlich. Zur Fortführung des Programms wurden auch andere Varianten von Storytelling bemüht, zum Beispiel unter Blair und Schröder der sogenannte „Dritte Weg“ – ein Ausdruck, der nicht von Ungefähr kam, siehe oben. Im Grunde ist der Neoliberalismus eine Technologie der Macht, die danach zielt, globale Bedingungen zu erschaffen,<em> im Rahmen derer es tatsächlich keine Alternative gibt</em>. Und das ist ihr in den letzten 40 Jahren sehr gut gelungen. Angenommen, eine Regierung würde es mit einem wirklichen Kurswechsel ernst machen, hätte sie sofort gewaltige Institutionen gegen sich: IMF, Weltbank, Finanzmärkte, Freihandelsabkommen, im Fall eines europäischen Landes Lissabon-Vertrag, Eurogruppe und EZB noch dazu. Selbst eine moderate Umverteilungspolitik könnte nicht erfolgen, ohne den bestehenden Rahmen zu sprengen. Wie jedoch eine solche Sprengung erfolgreich gelingen könnte, vermag niemand zu wissen.</p>
<p>Angesichts dessen leiden zurzeit alternative Szenarien unter einem großen Glaubwürdigkeitsdefizit. Mangels Bedienungsanweisung hören sie sich an wie Gutenachtgeschichten. Freilich heißt das nicht, dass die Lage der Welt mit Begeisterung oder Resignation hingenommen würde, und das ist genau das Paradoxe: Laut neuerlicher Umfragen wird der Kapitalismus nunmehr von der Mehrheit der Weltbevölkerung für ein schädliches System gehalten. Ein besseres System ist allerdings nicht im Blick. Seit einem Jahr brechen in vielen Ländern der Welt Revolten und Aufstände aus. Und doch zeichnet sich nirgendwo ein plausibler politischer Wandel ab. Im Grunde erleben wir Bewegungen gegen die Alternativlosigkeit.</p>
<p>So komme ich zum Schluss doch zu dem Thema, das, wie ich verstehe, im Mittelpunkt der vorgesehenen Diskussion steht, nämlich die Beanspruchung der Alternative vonseiten der Rechten. Bei allen Definitionen, die man sich ausdenken kann, ist die Alternative für Deutschland keine Alternative. Es sei denn, man verstehe Affektmanipulation als eine Alternative zum politischen Argument. Da würde ich lieber von Ersatz sprechen. Die AfD versucht nicht einmal, sich ernsthaft als Alternative zu profilieren. Sie hat längst ihre Anfänge als Anti-Euro-Partei hinter sich gelassen. Das hätte sie zur Formulierung eines klaren Gegenkonzepts gezwungen. Je unschärfer ihr Programm bleibt, umso mehr kann sie alle möglichen Gesinnungen zusammenhalten, von konservativ-nostalgischen zu national-sozialen über ultraliberalen.</p>
<p>Dabei will ich nicht ihr Gefährdungspotenzial herunterspielen. Sicher kann sie sabotieren und verbieten und zur Gewalt anstiften. Doch macht das noch keine Alternative aus. Wohl eher nähren sich die Rechten aus dem Verfall des bestehenden Systems und sind zugleich der beste Garant seines Fortbestands. Da muss man nur nach Frankreich schauen, wo seit Jahren die Le Pens die Mehrheit immer wieder dazu zwingen, für den Gegenkandidaten abzustimmen, obwohl sie dessen Programm ablehnt. Die Gefahr besteht nämlich, dass im Namen des Antifaschismus eine Einheitsfront sich in die Verteidigung des Status-Quo eingräbt. Wie im kalten Krieg werden dann nichtkonforme Stimmen beschuldigt, dem Feind in die Hände zu spielen. Somit wird der Anspruch der Rechten bekräftigt, die einzige Opposition zu ein.</p>
<p>Aus all den erwähnten Gründen ist es vielleicht nicht die beste Idee, die Alternative als ein Feld zu betrachten, das von Linken gegen Rechten rhetorisch zu erstreiten und mit anderen Soundbites zu besetzen wäre. Bleibt die Frage, ob man ohne Darstellung einer Alternative auskommen kann? Der Meinung war zumindest Walter Benjamin. Der politischen Utopie schreibt er eine einzige Funktion zu: „den Sektor des Zerstörungswürdigen abzuleuchten.“ Möglicherweise sind wir momentan zu Besserem nicht in der Lage. Immerhin wäre damit etwas erreicht. Den Sektor des Zerstörungswürdigen abzuleuchten: Wie ich finde wäre das übrigens auch eine brauchbare Definition von Literatur.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Vortrag im Rahmen der Veranstaltung </em>Richtige Literatur im Falschen / Alternative als Begriff. <em>Literaturforum im Brecht-Haus, 4.3.2020</em></p>
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		<title>Endlichkeit und Verdrängung</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Feb 2020 18:06:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieses Jahr wurde das Weltwirtschaftsforum zu Davos mit der Frage feierlich eröffnet, ob sich die Apokalypse noch verhindern ließe, ehe die Gäste auf wichtigere Themen übergingen wie Handelsabkommen und Finanzperspektiven. Lasst uns also über die Apokalypse reden. Derzeit ist das Wort voll im Trend. Allein in diesem Januar wurden in den Medien ein Blitzvulkan auf...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/endlichkeit-und-verdraengung/" title="ReadEndlichkeit und Verdrängung">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-one.jpg"><img class="wp-image-736 aligncenter" alt="apo one" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-one-242x300.jpg" width="484" height="600" /></a>
<p>Dieses Jahr wurde das Weltwirtschaftsforum zu Davos mit der Frage feierlich eröffnet, ob sich die Apokalypse noch verhindern ließe, ehe die Gäste auf wichtigere Themen übergingen wie Handelsabkommen und Finanzperspektiven. Lasst uns also über die Apokalypse reden. Derzeit ist das Wort voll im Trend. Allein in diesem Januar wurden in den Medien ein Blitzvulkan auf den Philippinen, ein Schneesturm in New-York und vor allem die Wildbrände in Australien als „apokalyptisch anmutend“ beschrieben.</p>
<p>Das kommt daher, dass den Berichterstattern die Worte ausgehen, um katastrophale Ereignisse zu beschreiben. Eine Zeitlang wurde dafür das Wort „Jahrhundert“ bemüht. Ein Jahrhunderttemperaturrekord. Eine Jahrhundertflut. Da sich jedoch die Jahrhundertereignisse immer schneller überstürzen, taugt der Ausdruck nicht mehr.</p>
<p>Aber nicht nur sensationssüchtige Medien reden von der Apokalypse, auch die betroffenen Menschen vor Ort finden keine andere Metapher, um ihre unfassbare Lage zu benennen. In einem vom Feuer verwüsteten Dorf in New South Wales hat ein Buchhändler ein Schild auf seinem Schaufenster angebracht: &#8220;Postapokalyptische Belletristik steht jetzt unter &#8216;Aktuelles Zeitgeschehen&#8217;&#8221;. Wie soll man sonst sprechen, wenn alles monatelang brennt, der Tag zu Nacht wird, eine Milliarde Tiere krepieren und Strände die einzige Zuflucht für geflüchtete Bewohner bieten?</p>
<p>Wenn sich eine noch nie erlebte Situation vergegenwärtigt, die sich wie ein Vorbote der Zukunft ankündigt, helfen nur noch Bilder aus vergangenen Prophezeiungen.</p>
<p>Derweil verunglimpft der australische Premier Morrison seine Mitbürger, die Umweltschutz fordern, als Apokalyptiker und Wirtschaftssaboteure. Die Pointe ist, dass Morrison wie in Brasilien Bolsonaro ein Evangelikaler ist. Das heißt, dass er selbst an das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht glaubt, welches die Auserwählten, sprich: die Reichen und Mächtigen erlösen soll. Seine Apokalypse will er sich aber nicht von protestierenden Losern versauen lassen.<span id="more-735"></span></p>
<p>Nicht nur Evangelikale, auch und vorerst selbsternannte Vertreter der nüchternen Vernunft warnen vor den apokalyptischen Gelüsten der Jugend. Andererseits haben nicht nur Filmemacher und Romanautoren, sondern auch angesehene Denker wie Bruno Latour Apokalyptik bzw. Post-Apokalyptik als statthaftes Thema wiederentdeckt.</p>
<p>Was ist also an dieser Vokabel dran? Wenn damit ganz allgemein Endzeit gemeint ist, stoßen wir auf eine prinzipielle Aporie. Zum einen steht außer Zweifel, dass das Zwischenspiel Mensch auf Erde irgendwann einen Endpunkt haben wird, und sei es nur in fünf Milliarden Jahren, als der Erdball von der Sonne verschluckt wird. Zum anderen steht ebenso fest, dass dieser Endpunkt von niemandem<i> erlebt</i> wird, und das aus dem Grund, dass jeder für sich allein stirbt. Der letzte Mensch wird ebenso wenig wie im letzten November der letzte Sumatra-Nashorn wissen können, dass er tatsächlich der letzte ist. Daraus folgt, dass Apokalypse im Sinne von Endzeit kein Ereignis, sondern nur eine Vor-Stellung sein kann, die Vorstellung des Unvorstellbaren. Sie ist absolute Gewissheit und doch nur fantasierte Fiktion.</p>
<p>Nur kommt dieses imaginierte Ende der Zukunft aus der fernen Vergangenheit, in unserem Kulturkreis nämlich: aus der Bibel. Das ist insofern ein Verhängnis, als Apokalypse wortwörtlich „Offenbarung“ bedeutet. Im allerletzten Augenblick soll die ganze Wahrheit ans Licht kommen. Mehr als wir glauben, sind wir von dieser Auffassung geprägt. Denken wir nur an die Doppelbedeutung von „Vollendung“ als Abschluss und Erfüllung.</p>
<p>Doch natürlich wird in unserer postreligiösen Zeit kaum noch jemand an diese Mär ernsthaft glauben. Allenfalls kann man sagen: Wenn Apokalypse bloß Offenbarung bedeutet, dann hat sie bereits stattgefunden. Heute sind Umweltzerstörung und Klimawandel, wovon die Meisten bisher nichts ahnten, ins globale Bewusstsein gekommen. Damit hört aber der biblische Bezug auf. Denn selbstverständlich geht es niemandem um die angstfröhliche Erwartung der Endzeit, sondern darum, die Konsequenzen eines Prozesses, der bereits eingesetzt hat, möglichst zu verringern.</p>
<p>Eine üble Nachrede ist es ebenfalls, Forscher, die das Desaster empirisch belegen, als „Untergangspropheten“ zu charakterisieren. Sie verkünden keine Prophezeiung, im Gegenteil, sie zeigen, dass Vorhersagen fortan unmöglich sind. Gewiss ist nur, dass die Umwelt bereits aus den Fugen geraten ist. Unvorhersehbar sind die Konsequenzen.</p>
<p>Schließlich ist Apokalypse kein passendes Wort, weil sie ein singulares Ereignis, einen plötzlichen großen Knall evoziert. Doch was uns bevorsteht, ist wahrscheinlich eher eine lange, zerstreute, disparate Folge von Extremphänomenen, hier eine Dürre, dort eine Überflutung, die sich von den normalen Launen der Natur durch Häufigkeit und Intensität unterscheiden. Also kein Ereignis, sondern eine fortschreitende Erosion.</p>
<a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-two.jpg"><img class="wp-image-737 aligncenter" alt="apo two" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-two-294x300.jpg" width="388" height="600" /></a>
<p>Angesichts dieser unerfreulichen Nachrichten ist die Versuchung groß, mit dem Denken ganz aufzuhören. Was bringt das Grübeln über Dinge, die einen Maßlos überfordern, außer Depression, Verzweiflung und Resignation? Besser ist, die ganz große Realität zu ignorieren, um sich kleineren, kurzfristigen Projekten zu widmen, so lange es noch geht. Ist nicht die beste Überlebensstrategie so zu tun, als ob es eine Todesgefahr nicht gäbe? Beneidenswert unsere Vorfahren, die in aller Seelenruhe und ohne Schuldbewusstsein ihre Umwelt kaputtmachen durften! Die tragische Wahl zwischen Wissen und Glücklichsein ist ein uralter Topos. Wie Heiner Müller meinte: Optimismus ist ein Mangel an Informationen. Bleiben wir also optimistisch und uninformiert.</p>
<p>Das Problem ist bloß, dass wir bereits Bescheid wissen. Steht einmal die Erkenntnis im Raum, heißt die einzig mögliche Alternative zum Denken: Verdrängen. Und wie wir aus der Psychoanalyse wissen: Verdrängte Tatsachen sind nicht deswegen ausgeschaltet, sie agieren unbewusst weiter. Und sie gebären Monster.</p>
<p>Drei Optionen der Verdrängung stehen im Angebot, die jeweils einem neurotischen Stadium und einer politischen Richtung entsprechen.</p>
<p>Die erste Variante ist die schlichte <i>Verneinung</i>. Gemeint ist die Position der inakkurat genannten „Klimaleugner“, also das sture, kontrafaktische Festhalten an der Illusion, es finde nichts Außergewöhnliches statt. Politisch stehen die Verneiner neoliberal bis rechtsextrem.</p>
<p>Die entgegengesetzte Art der Verdrängung ist die<i> Ableitung</i>. Hier wird die Katastrophe nicht geleugnet, im Gegenteil, sie wird gar betont. Aber nur als Nebeneffekt der ökonomischen Widersprüche. Wie vor 150 Jahren bestünde die Hauptaufgabe in der besseren Umverteilung des Reichtums. Wer stattdessen Zeit mit der Umweltkatastrophe verschwendet, möchte nur vom Hauptziel ablenken. Selbstverständlich steht diese Art der Verdrängung links.</p>
<p>Zurzeit sind diese beiden Formen minoritär. Vorherrschend ist die dritte Variante der Verdrängung, nämlich die <i>Verharmlosung</i><b>.</b>  Man kann sie auch nach einem Ausdruck des Philosophen Günter Anders die „Vernüchterung des Entsetzlichen“ nennen. Hier wird die Katastrophe weder verneint noch als Nebenschauplatz verlagert. Sie wird als technische Herausforderung reduziert, also als ein Problem, das konstruktiven Lösungen bedarf. Politische Verhandlungen. Industrielle Innovationen. Dann kriegen wir die Klimakurve hin. Sie haben die Position der Grünen erkannt.</p>
<p>Mit Verneinern ist jede Argumentation zwecklos. Sie sind Meister in alternativen Fakten und Paralogismen. Bemerkenswert ist jedoch, wie eng ihre Realitätsverneinung mit dem Wirtschaftsdenken konsistent ist. Im Reich der Ökonomie ist Zukunft nur eine Projektion der Gegenwart. Alles was da ist, ist nur als zukünftige Renditenerwartung gegenwärtig, Das funktioniert solange, wie sämtliche Systemwidersprüche und negativen Auswirkungen als lauter Externalitäten ausgelagert werden können.</p>
<p>Nichts darf gegen das Dogma verstoßen, wonach die Vermehrungsspirale des Kapitals kein Limit habe. Jegliche Idee von Endlichkeit wird deswegen als apokalyptisch abgetan, weil sie Glaubenssätzen widerspricht, die sich am besten unter dem Stichwort „Unendlichkeitsfanatismus“ subsumieren lassen. Unbegrenzt seien die irdischen Vorkommen, unbegrenzt die technische Überlistung der Natur, unbegrenzt die Selbstheilungskräfte der Märkte, unbegrenzt das Wachstum.</p>
<p>Jedes Schulkind würde solche Dogmen irre finden, darum brauchte es wie in Andersens Märchen ein Schulkind, um den Irrsinn offen auszusprechen.</p>
<p>Welche Verunglimpfungen sind nicht über Greta Thunberg ausgeschüttet worden! Die überempfindliche Asperger-Patientin sei die Heilige einer Ersatz-Religion, sie schüre hysterische Ängste unter der Jugend, sei die PR-Marionette des mächtigen green business, lasse sich wie der Hanswurst auf internationalen Gipfeln vorführen. Doch selbst wenn das alles stimmte, ändert das nicht an der einzigen Botschaft, die sie andauernd wiederholt: „Hört auf die Wissenschaft!“</p>
<p>Da findet eine merkwürdige Umpolung statt. Bislang waren es die Kritiker der bestehenden Gesellschaft, die Wissenschaftlern (zurecht) vorwarfen, Mitschuld an der Objektifizierung der Natur zu sein. Heute hat Wissenschaftsfeindlichkeit die Seiten gewechselt. Postmoderner Verdacht ist zur Lieblingswaffe rechter Klimaskeptiker geworden. Sie sprechen Biologen, Ökologen und Klimaforschern jeden Wahrheitsanspruch ab, disqualifizieren ihre Forschungsberichte als lauter Diskurse, unterstellen ihnen Machtstrategie und politische Manipulation.</p>
<p>Wie Sigmund Freud meinte: Manchmal täte es den Skeptikern gut, auch an der eigenen Skepsis zu zweifeln.</p>
<p>Wie ist es nun mit den Verharmlosern? Wie die Verneiner denken sie im Rahmen der Ökonomie, bloß von einem anderen Grundsatz aus. Schumpeter definierte den Kapitalismus als ein Prozess der kreativen Zerstörung. Will heißen: Alte Strukturen werden permanent von Innovationen zerschlagen. Im Umkehrschluss wird dann angenommen, dass jede Zerstörung Innovationschancen bietet. So gesehen verspricht die Zukunft rosige Perspektiven.</p>
<p>Gegen fossile Konservative, die an fossilen Energien hängen, treten saubere Grüne hervor, die mit sauberer Energie die Wirtschaft umbauen wollen. Nur muss man sich beeilen, es blieben nur noch zehn Jahre oder gar 18 Monate, um die „Klimakurve“ hinzubekommen. Hier besteht die Verdrängung aus drei Elementen.</p>
<p>Erstens ist die Behauptung leichtsinnig, es würde reichen, eine bestimmte Emissionsgrenze einzuhalten, um ein heterogenes Problembündel mit unvorhersehbaren Rückkopplungen ganz aus der Welt zu schaffen. Und die Behauptung ist auch gefährlich: Wie werden denn die Menschen reagieren, wenn (wie zu erwarten ist) zu dieser Deadline die vorgegebenen Ziele nicht erreicht sind?</p>
<p>Zweitens gibt es keine saubere Energie. Um aus Wind und Sonne Energie zu gewinnen, zu speichern und zu verteilen sind Abermillionen Tonnen Kupfer, Blei, Zink, Aluminium, Silber Lithium, Kobalt und weitere seltene Rohstoffe erforderlich. Nur Pech für den globalen Süden, wo sich all diese Vorkommen befinden. Dort hieße der Green New Deal: gigantische Bergwerke, gerodete Wälder, toxische Abfallhalden und vergiftetes Grundwasser. Kapitalismus 2.0. würde genau die Bedingungen reproduzieren, die zur jetzigen Lage geführt haben, Kolonialismus und Massenflucht eingeschlossen.</p>
<p>Und schließlich, selbst wenn technische Lösungen <i>theoretisch </i>machbar sind, in der Praxis müsste die Politik willig und fähig sein, sie durchzusetzen, und zwar weltweit. Das hieße nicht nur, nach mühsamen Verhandlungen und Kompromissen doch zeitig genug zu einem wirklichen Ergebnis zu kommen. Das hieße vor allem, sich mit Wirtschaftslobbys anzulegen, für die eine Abnahme der Kapitalrendite oder staatliche Lenkungen schlimmere Albträume sind als die Extinktion des irdischen Lebens.</p>
<p>Verständlich ist, dass die grüngefärbte Option die Beliebteste ist. Wer in einem abstürzenden Flugzeug sitzt, setzt seine Hoffnung darauf, dass der Pilot gefasst bleibt und alle Hebel und Geräte bedient, um die Notlandung zu versuchen. Nur hinkt der Vergleich.  Hier kämpft man nicht mit defekter Technik, sondern mit absurden sozialen Verhältnissen.</p>
<p>Es gibt keinen „grünen Kapitalismus“, den wir notgedrungen dem anderen vorziehen könnten. Der Kapitalismus ist ein Chamäleon, der opportunistisch je nach kritischer Situation die Farbe wechselt. Diesbezüglich scheint die Klimabewegung übermäßige Erwartungen an den guten Willen und die Handlungsspielräume der Regierenden zu haben. Vielleicht fehlt es ihnen noch an Apokalyptik. Das dürfte noch kommen.</p>
<a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-three.jpg"><img class="wp-image-738 aligncenter" alt="apo three" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/apo-three-230x300.jpg" width="460" height="600" /></a>
<p>Die Ursachen der gegenwärtigen Katastrophe liegen tief in der Vergangenheit. Dafür bietet Australien, das gerade mit der Katastrophe zu kämpfen hat, ein gutes Beispiel.</p>
<p>Rein geographisch betrachtet ist der australische Kontinent eine Welt für sich. Seine isolierte Lage ermöglichte die Evolution dort, einen ganz abgesonderten Pfad zu nehmen. Darum sind Koalas und Kängurus nirgends sonst vorzufinden. Allerdings war in der Landschaft Homo Sapiens nicht vorgesehen. Seine Landung vor fünfzigtausend Jahren hatte verheerende Konsequenzen. Binnen kürzer Zeit schaffte er es, neunzig Prozent aller großen Säugetiere endgültig auszurotten. Zudem fackelte er die Urwälder so großzügig ab, dass Dürren, Wüstenbildung und regionale Klimaveränderung folgten.</p>
<p>Die Geschichte kommt einem vertraut vor. Sie hört sich an wie ein Vorspiel der Gegenwart, und deswegen wird sie heute gern erzählt.  Denn sie lässt auf ein anthropologisches Schicksal schließen. Wir könnten nichts dafür, seien dazu veranlagt, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. So gesehen wäre die zweite Kolonisierung Australiens durch die Europäer nur eine weitere Episode derselben Serie.</p>
<p>Doch mit der Fokussierung auf den ursprünglichen Überfall geraten nicht minder als fünfzigtausend Jahre aus dem Blickfeld, in denen die australischen Aborigines einen äußerst stabilen und harmonischen Bezug zu ihrer Umwelt aufrechterhalten haben. Eigentlich waren die zerstörerischen Folgen der ersten Einwanderung ein natürlicher Vorgang gewesen, ähnlich der asiatischen Tigermücken, die einheimische Insekten verdrängen. Doch nach dem ursprünglichen Raubzug wussten die Aborigines offenbar, ihre Instinkte selbst zu zähmen und zwar durch den Logos. In der Mythologie der Traumzeit sind Tiere und Pflanzen dem Menschen gleich.  Sie kennen keine Natur, die man ausbeuten oder schützen kann, sie bewohnen eine geistige, gemeinsam mitgestaltete Landschaft.</p>
<p>Das Gleichgewicht wurde von der zweiten Kolonisation brutal zerstört. Die Europäer erklärten das Land zu Terra Nullus und die Ureinwohner für Vogelfrei. Zunächst Strafkolonie, wurde Australien erst mit der Entdeckung von Rohstoffen interessant. Und die Erwirtschaftung knüpfte wieder an die Raubtierinstinkte des Homo Sapiens an. Insofern hat Morrison recht: der Geist der Australier ist nichts anderes als ein Stück Steinkohle.</p>
<p>In Australien verläuft der längste Zaun der Welt, der sogenannte <i>dingo fence</i>, der die industrialisierten Gebiete von der Wildnis trennt. Sie haben wahrscheinlich alle das Bild des verkohlten Kängurus an einem Stacheldrahtzaun gesehen. Who killed skippy? Nicht das Feuer hat ihn umgebracht, sondern der Zaun.</p>
<p>Was an Rousseaus berühmten Satz erinnert: &#8220;Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab (&#8230;) war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“ Rousseau führt fort: „Wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört!&#8221;</p>
<p>Folgerichtig steht dieser Satz in Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit. Nicht nur in Australien wird der Zaun immer mehr zum Sinnbild der auf Ungleichheit basierten Epoche. Die Einzäunung ist der aggressive, verzweifelte Versuch, eine Trennung aufrechtzuerhalten, und zwar sowohl zwischen Mensch und Natur als auch zwischen Mensch und Mensch. So wie Wildtiere werden menschliche Opfer der Verwüstung davon aufgehalten, in noch verschonte Gebiete zu flüchten.</p>
<p>Freilich hilft es heute wenig, sich auf die Aborigines zu beziehen. Selbst wenn einige noch biologisch am Leben sind, ihre Welt ist endgültig zerstört. Wie alle Urvölker haben sie den Weltuntergang hinter sich. Was uns zu einem wichtigen Punkt führt. Die Welt, um die es uns geht, ist nicht die Erde. Die Erde wird sich von uns zu erholen wissen. Was es vorm Untergang zu schützen gilt, ist auch nicht die Natur, es ist die Lebenswelt der Bewohner. Wen interessiert schon das biologische Überleben der Spezies Homo Sapiens abgesehen von der Frage der Lebensweise? Wie es der Philosoph Hans Jonas vor 40 Jahren empfahl: Behalte stets das Worst-Case-Szenario vor Augen, damit du das zu schätzen und aufzubewahren lernst, was das Leben wirklich lebenswert macht.</p>
<p>Das hört sich vielleicht ein bisschen eso an, aber man kann auch konkreter fragen: Was verbindet wirklich die 8 Milliarden, die den Planeten heute bevölkern? Was wir Globalisierung nennen ist nicht die Erschaffung einer gemeinsamen Welt, sondern umgekehrt fortschreitende Weltenzerstörung, oder um es mit Hannah Arendt zu sprechen: Weltentfremdung.</p>
<p>Dass dieser Prozess schon lange her einsetzte, lässt sich an folgendem Satz aus dem Jahr 1848 herauslesen: „Die moderne Gesellschaft gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor&#8221;. Das schrieb Marx im kommunistischen Manifest.</p>
<p>Unter gegenwärtigen Philosophen ist die Entfremdung aus der Mode geraten. Aber unter Naturwissenschaftlern wird ein Begriff zunehmend verwendet, um den menschlichen Einfluss auf das Erdsystem zu benennen: das Anthropozän. Und wer ist denn dieser Anthropos, wenn nicht das entfremdete Gattungswesen, das auf die lebenden Menschen zurückschlägt?</p>
<p>Die Naturwissenschaft hat nachgespürt, wie das Anthropozän mit der Industrialisierung begann, um sich mit der Globalisierung der Märkte exponentiell zu beschleunigen. Doch einmal unter der Lupe betrachtet, besteht das globale Phänomen aus unzähligen spezifischen Entscheidungen, die niemals von „der Menschheit“ getroffen worden sind, sondern von Industriellen, Technokraten und Lobbies, immer mit dem Ziel der Profitmaximierung. Insofern sind manche Autoren nicht im Unrecht, wenn sie statt von Anthropozän von „Kapitalozän“ reden.</p>
<p>Greta Thunberg sagt: „Ihr sprecht nur darüber, mit denselben schlechten Ideen weiter zu machen, die uns in dieses Chaos gebracht haben, wobei die einzig vernünftige Sache die ist, die Notbremse zu ziehen.“ Greta weiß es wahrscheinlich nicht, aber das hatte bereits Walter Benjamin vor ihr geschrieben. Der Griff nach der Notbremse, so definierte er eine Revolution.</p>
<p>Andererseits erklären Chilenen, die seit über drei Monaten rebellieren: „Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem.“ Auch das eine Paraphrase von Walter Benjamins: &#8220;Dass es so weiter geht, ist die Katastrophe&#8221;.</p>
<p>An dieser Stelle sollte ich vermutlich mit einem Happy End schließen. Es wird von der Kritik erwartet, so negativ sie auch klingen mag, dass sie zum Schluss ein Fenster auf die schöne Zukunft öffnet, oder zumindest auf positive Möglichkeiten hinweist. Alles andere sei nur demoralisierend. Aber nicht nur bin schlecht in Gutenachtgeschichtenerzählen, ich denke vor allem, dass wir ohne Happy End-Erzählungen auskommen können und müssen. Lieber halte ich es mit Jean-Pierre Dupuy, Theoretiker des aufgeklärten Katastrophismus:  Nur noch ein Wunder kann uns retten, vorausgesetzt, dass wir nicht darauf warten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><b>(Vortrag im Tanzquartier Wien. 24.1.2020)</b></p>
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		<title>Das Jahr der Proteste</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Dec 2019 09:05:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Zweifellos erlebte das soeben zu Ende gehende Jahr eine Entfachung sozialer Unruhen in bisher ungekannter Gleichzeitigkeit. Allein im Herbst fanden in über zwanzig Ländern Massen­bewegungen und Aufstände statt, in manchen Fällen wurden sie gnadenlos in Blut ertränkt. Reicht das, um von einer globalen Revolte sprechen zu können? Bei einer solch kühnen Behauptung ist Vorsicht geboten....  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/das-jahr-der-proteste/" title="ReadDas Jahr der Proteste">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p data-pos="0-0" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Zweifellos erlebte das soeben zu Ende gehende Jahr eine Entfachung sozialer Unruhen in bisher ungekannter Gleichzeitigkeit. Allein im Herbst fanden in über zwanzig Ländern Massen­bewegungen und Aufstände statt, in manchen Fällen wurden sie gnadenlos in Blut ertränkt. Reicht das, um von einer globalen Revolte sprechen zu können? Bei einer solch kühnen Behauptung ist Vorsicht geboten. Sie lässt ja einen einheitlichen Willen vermuten, der offen­sichtlich nicht vorhanden ist.</p>
<p data-pos="0-1" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Simultanität ist noch kein Beweis für Gemeinsam­keit. Die Schnitt­menge zwischen Protest­motiven etwa im Iran und in Haiti dürfte ziemlich gering sein. Insbesondere Katalonien und Hong­kong, wo die nationale Frage überwiegt, ragen aus der Gemengelage heraus. Regionale Zusammen­hänge sind da als bestimmende Faktoren plausibler. Wenn die Bevölkerung Algeriens, des Libanon und des Irak zeitgleich aufbegehrt, wird vermutlich der Arabische Frühling in Ländern fort­gesetzt, die 2011 aus verschiedenen Gründen nicht rebelliert hatten. In Latein­amerika wiederum fand offenbar ein Ansteckungs­prozess zwischen Ecuador, Bolivien, Chile und Kolumbien statt.<span id="more-745"></span></p>
<h2 data-css-153qrt7="" data-css-qc9yqx="">Die Gemeinsamkeit der Volksaufstände</h2>
<p data-pos="0-3" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Und doch ist die Gleichzeitig­keit all dieser Proteste nicht ganz zufällig. Wenn in Quito die Strasse aufbegehrt, wird das zum Ansporn für die Beiruter Menge. Pariser Demonstranten fühlen sich von Wütenden in Santiago bestätigt. Als Affinitäts­medium dienen die sozialen Netzwerke. Bilder von Massen­umzügen, Tränengas­wolken und versehrten Gesichtern ähneln sich überall und verbreiten sich viral. Zudem offeriert die globale Kultur­industrie gemeinsame Erkennungs­zeichen, die Joker-Masken etwa, oder Bruce Lees Kampf­anweisung «Be water». Wenn Demonstranten in Beirut wie in Bogotá «Bella ciao» anstimmen, dann nicht aufgrund des anti­faschistischen Ursprungs des Liedes, sondern weil es durch die Netflix-Serie «Haus des Geldes» welt­berühmt wurde.</p>
<p data-pos="0-5" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Auch eigens erfundene Symbole werden an ganz anderen Orten übernommen. Die Gelb­weste, Kenn­zeichen der französischen Bewegung, wurde binnen Wochen von Protestierenden in zwei Dutzend Ländern getragen. Da ist mehr als bloss Mimikry im Spiel. Mit der grellen Leucht­kraft des Fluoreszierenden kommen hier die Unsicht­baren ans Licht und erkennen sich als kollektive Kraft – das Sinnbild ist universal anwendbar. Zudem werden über Länder­grenzen und spezifische Kontexte hinweg technische Erfahrungen ausgetauscht. Gegen Hong­konger Proteste werden in Frankreich hergestellte Wasser­werfer eingesetzt, dafür lernen auf Youtube-Videos französische Demonstrantinnen von Hong­kongern, wie man Reizgas­patronen unschädlich macht.</p>
<p data-pos="0-6" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">So kommt unversehens eine Art virtuelle Inter­nationale zustande. Freilich keine tatsächliche. Die gelbe Weste ist nicht die rote Fahne, sie deutet auf keine Ideologie, auf kein Programm hin. Doch gerade diese Abwesen­heit verbindet all die genannten Unruhe­herde. Sie eint zumindest, was sie nicht sind.</p>
<h2 data-css-153qrt7="" data-css-qc9yqx="">Rebellion gegen die Ungleichheit</h2>
<p data-pos="0-8" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Selbst wenn nicht alle Merk­male auf jeden Einzel­protest zutreffen, lässt sich doch ein Grund­muster umreissen. In der Regel haben wir es mit spontanen Ausbrüchen zu tun, die keiner organisierten Opposition entspringen. Sie werden nicht einmal von charismatischen Leadern angeführt. Es erhebt sich eine unbestimmte Menge, die weder mit soziologischen Kategorien (Unterschicht oder Mittelstand) noch mit politischen (links oder rechts) eindeutig fassbar ist.</p>
<p data-pos="0-9" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Auch ethnische oder (im Fall Libanon) konfessionelle Zugehörigkeiten werden beiseite­geschoben. Der Auslöser ist scheinbar geringfügig, eine weitere Preis­erhöhung, eine neue Steuer, der sprich­wörtliche Tropfen, der das Fass der erduldeten Miss­stände zum Über­laufen bringt. Die Haupt­sache ist, dass alle gleicher­massen davon betroffen sind; so können sie sich kollektiv widersetzen. Ob es ihnen bewusst ist oder nicht, rebellieren sie nicht nur gegen die eigene Regierung, sondern gegen globale Institutionen, die solche Teuerungen erzwingen, sei es durch eine Kredit­bedingung des IWF, übernationale Abkommen oder wie im Iran durch Wirtschafts­sanktionen. So oder so müssen die Unter­privilegierten die Zeche zahlen.</p>
<p data-pos="0-10" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Ganz schnell richtet sich dann der Volks­zorn explizit auf das ganze «System» und insbesondere auf die nationalen «Eliten», die sich von Entbehrungen ausnehmen und ihr Vermögen legal wie illegal vermehren. Im Grunde haben wir es mit einer globalen Protest­welle gegen soziale Ungleich­heit zu tun. Wen wunderts? Seit Jahren wird die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich empirisch belegt. Erstaunlich ist höchstens, dass die Ober­schicht von den logischen Folgen kalt erwischt wird.</p>
<p data-pos="0-11" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Gegen das Empfinden krasser sozialer Ungleich­heit helfen auch die üblichen Relativierungen nicht, wonach Bewohnerinnen einer bestimmten Nation doch im Vergleich zu anderen in relativem Wohl­stand lebten. Psychologisch kommt es auf die Binnen­verteilung des Reich­tums an, weil die Menschen sich mit den Mitgliedern der eigenen Gesell­schaft vergleichen. Chile mag ausgezeichnete Wirtschafts­daten vorweisen, es gehört dennoch zu den unegalitärsten Ländern der Welt, mit 1 Prozent der Bevölkerung im Besitz von 35 Prozent des Reichtums. Frappierend ist, wie sich die Beschwerden überall ähneln. Nicht das ungedeckte Bank­konto an sich ist das Problem, sondern viel­mehr der ungleiche Zugang zu existen­ziellen Ressourcen wie Gesundheit, Bildung, Mobilität, Alters­sicherung.</p>
<p data-pos="0-12" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Das sind nicht nur ökonomische Parameter. Die Empörung dagegen hat eine starke moralische Komponente. Die verachteten Loser der derzeitigen Verhältnisse schreien nach Gerechtig­keit und einem würdigen Leben. Gegen die Gewinner lässt sich jedoch nicht so leicht kämpfen. Potentatinnen in armuts­geprägten Nationen ebenso wie CEOs in wohl­habenden Ländern verstehen sich darauf, unerreichbar zu sein. Zur Rechen­schaft kann allein die Politik gezogen werden.</p>
<h2 data-css-153qrt7="" data-css-qc9yqx="">Politik für Oligarchen</h2>
<p data-pos="0-14" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Hier liegt auch eine Gemeinsam­keit aller Volks­ausbrüche seit Beginn des Jahr­hunderts. Gerufen wird jeweils nicht nur nach Absetzung des amtierenden Staats­oberhaupts, sondern gleich der politischen Klasse in toto. Es dominiert das Gefühl, von niemandem vertreten zu sein. Die Politik wird nur noch als Interessen­vertretung der Oligarchie wahr­genommen, bar jeglichen Bezugs zum Gemeinwohl. Dafür sind die Biografien von Emmanuel Macron und Sebastián Piñera exemplarisch. Immer mehr verfestigt sich der Eindruck, dass es Millionären obliegt, über die Geschicke ihrer Lands­leute zu entscheiden. In den USA profiliert sich Bloom­berg als best­möglicher Heraus­forderer von Trump mit dem Argument, dass er der Reichere ist. Mit anderen Worten: Die Politik wird nicht für ihre über­zogenen Ansprüche abgelehnt, sondern umgekehrt: weil sie ihr Vorrecht auf Gestaltung (und damit in letzter Konsequenz sich selbst) aufgibt. Daher die schein­bare Paradoxie, Forderungen an eine Regierung zu stellen, deren Entlassung man sich wünscht.</p>
<p data-pos="0-16" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Die Welt wird immer unregier­barer – so zumindest eine zurzeit oft geäusserte Klage. Gemeint sind nicht nur die disruptiven Ausbrüche des Volks­zorns; auch der chronische Unmut der Wähler in demokratischen Staaten trägt zur pessimistischen Diagnose bei. Immer häufiger entscheiden sie sich für rechte wie linke Protest­parteien, mit dem Effekt, dass der liberale Konsens verdrängt und lahm­gelegt wird.</p>
<p data-pos="0-17" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Bemerkenswert an dieser Weh­klage ist, dass es sie schon einmal gab. Der Präzedenz­fall ist wichtig, um die gegen­wärtige Sequenz in historischer Perspektive zu begreifen.</p>
<p data-pos="0-18" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">In seiner kürzlich erschienenen Untersuchung «<a href="https://www.suhrkamp.de/buecher/die_unregierbare_gesellschaft-gregoire_chamayou_58738.html" data-css-9r2oe9="" data-css-1exity3="">Die unregierbare Gesellschaft</a>» zeigt der französische Philosoph Grégoire Chamayou, wie eben dieser Topos den Auftakt der neoliberalen Epoche einleitete. In den 1970er-Jahren begannen nämlich die Entscheidungs­träger an der Kompatibilität von Kapitalismus und Demokratie zu zweifeln. Zum einen wurde das autoritäre Fabrik­regime von der Arbeiter­schaft immer weniger toleriert, zum anderen waren neue Akteure aufgetreten, Konsumenten­verbände, Umwelt­schützer, Frauen, marginalisierte Gruppen, die nach mehr gesellschaft­licher Teil­habe trachteten. Allseits wurde diese demokratische Ausweitung als «Krise der Regierbarkeit» gedeutet. Aus wahl­taktischen Gründen sahen sich Volks­vertreter genötigt, ihr Tätigkeits­feld ständig auszudehnen, was für Verfechter der freien Markt­wirtschaft einem schleichenden Kommunismus gleichkam.</p>
<h2 data-css-153qrt7="" data-css-qc9yqx="">Ein Blick zurück auf Chile</h2>
<p data-pos="0-20" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Bekanntlich begann die Gegen­offensive mit Pinochets Staats­streich, von den Chicago Boys tatkräftig unterstützt, und es verwundert nicht, dass heute die Revolte besonders in Chile virulent ist. Wie Friedrich August Hayek 1978 unverblümt schrieb: Die persönliche Freiheit sei manchmal <a href="http://eprints.lse.ac.uk/63318/1/__lse.ac.uk_storage_LIBRARY_Secondary_libfile_shared_repository_Content_Caldwell,%20B_Hayek%20and%20Chile_Cladwell_Hayek%20and%20Chile_2015.pdf" data-css-9r2oe9="" data-css-1exity3="">unter einem autoritären Regime besser geschützt</a> als unter einer demokratischen Regierung. Notfalls also mit Mord und Folter? Die Botschaft war auch eine Warnung an alle künftigen Links­regierungen der Welt.</p>
<p data-pos="0-21" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Dennoch ist selbst für radikalste Neoliberale die Diktatur kein Zweck, sondern allenfalls ein provisorisches Notmittel. Das eigentliche Ziel ist, ein Umfeld zu schaffen, das die Wirtschafts­sphäre vor den Unwägbar­keiten des allgemeinen Wahl­rechts schützt. Entgegen einer häufigen Meinung ist Neoliberalismus keine blosse Ideologie, er ist eine Technologie der Macht. Institutionelle Rahmen­bedingungen werden geschaffen und gesichert, damit der Politik ganz gleich welcher Färbung systemisch untersagt wird, zum Nachteil des Kapitals Umverteilung zu betreiben.</p>
<p data-pos="0-23" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Seit vierzig Jahren lebt die westliche Welt unter einem Regime der eingeschränkten Demokratie. Mit dem Stuhlwechsel­spiel zwischen Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien an den Regierungs­spitzen wird ein und dasselbe Programm gegen die Interessen und die Meinung der Bevölkerungs­mehrheit eisern durchgesetzt. Das funktionierte eine Zeit lang durch die Propaganda­arbeit von Stiftungen, Think­tanks und Medien, die die «Reformen» als lang­fristig gewinn­bringend verkauften, vor allem aber auch durch das eingehämmerte Mantra, eine Alternative gebe es sowieso nicht.</p>
<h2 data-css-153qrt7="" data-css-qc9yqx="">Im Zeitalter des «autoritären Liberalismus»</h2>
<p data-pos="0-25" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Nun erleben wir Revolten gegen die organisierte Alternativ­losigkeit. Nicht die Menschen haben sich radikalisiert, sondern die Zustände. Die kapitalistische Welt ähnelt immer offen­sichtlicher dem Bild, das ihre radikalen Kritikerinnen schon immer von ihr gemalt hatten. Und es scheint, als seien wir im Zeitalter eines «autoritären Liberalismus» angekommen.</p>
<p data-pos="0-26" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Dieser vermeintlich wider­sprüchliche Begriff wurde laut Chamayou 1932 von dem sozial­demokratischen Juristen Hermann Heller geprägt, um ein paradoxes Gebilde zu benennen: einen starken Staat im Dienst einer freien Wirtschaft. Stark ist der Staat nicht, indem er alle Gesellschafts­bereiche totalitär kontrolliert, sondern umgekehrt, indem er die Gesell­schaft daran hindert, sich in den unregulierten Entfaltungs­prozess des Kapitals einzumischen. Und das tut er gegebenen­falls mit hemmungs­loser Gewalt. Die Ereignisse in Frankreich haben gezeigt, wie weit die Repression in einer modernen (Post-)Demokratie gehen kann. Mit der Aufstands­bekämpfung kommt der eigene Autoritarismus einer bisher liberalen Regierung zum Vorschein und untergräbt so die eigene demokratische Legitimität.</p>
<p data-pos="0-26" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">Bislang ist es nirgendwo gelungen, aus den sporadischen Konfrontationen eine dauerhafte Opposition aufzubauen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zum einen haben tradierte linke Strategien ihr Unvermögen genügend unter Beweis gestellt, eine praktikable und zugleich wünschens­werte Alternative anzubieten. Zum anderen, und das ist die wesentliche Hürde, erfolgt jeder Einzel­protest zwangs­läufig im Rahmen der Nation, wobei er sich doch gegen eine globale Ordnung richtet. Gesetzt den Fall, es würde ein Volks­aufstand in einem bestimmten Land siegen, bliebe nur die Exit-Option übrig, mit unabsehbaren und nicht unbedingt rosigen Folgen für die Bevölkerung. Voraussichtlich wird sich also das Muster des gerade zu Ende gehenden Jahres noch einige Zeit fortsetzen: autoritärer Liberalismus, durch gelegentliche Ausbrüche des Zorns zu temporären Zugeständnissen gebracht. Bis der Status quo nicht mehr haltbar ist.</p>
<p data-pos="0-26" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">
<p data-pos="0-26" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725=""><em>Zunächst erschienen in:</em> https://www.republik.ch/2019/12/30/das-jahr-der-proteste</p>
<p data-pos="0-26" data-css-aphf9g="" data-css-qc9yqx="" data-css-1ax1725="">
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		<title>Soziale Gelbsucht &#8211; Ein Interview</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Dec 2019 09:20:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[L.I.S.A.: Herr Paoli, Sie haben jüngst und pünktlich zum Jahrestag der ersten sogenannten Gelbwesten-Proteste ein Buch mit dem Titel &#8220;Soziale Gelbsucht&#8221; veröffentlicht, in dem Sie ein Jahr &#8220;Gilets Jaunes&#8221; kritisch analysieren. Nun ist über die Bewegung der Gelbwesten bereits viel berichtet und geschrieben worden. Warum haben Sie sich nun mit dieser Protestform auseinandergesetzt? Welche Vorüberlegungen...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/soziale-gelbsucht-ein-interview/" title="ReadSoziale Gelbsucht &#8211; Ein Interview">Weiter &#187;</a>]]></description>
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<p><em><strong>L.I.S.A.:</strong> Herr Paoli, Sie haben jüngst und pünktlich zum Jahrestag der ersten sogenannten Gelbwesten-Proteste ein Buch mit dem Titel &#8220;Soziale Gelbsucht&#8221; veröffentlicht, in dem Sie ein Jahr &#8220;Gilets Jaunes&#8221; kritisch analysieren. Nun ist über die Bewegung der Gelbwesten bereits viel berichtet und geschrieben worden. Warum haben Sie sich nun mit dieser Protestform auseinandergesetzt? Welche Vorüberlegungen gingen Ihrem Buch voraus? </em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Über die Gelbwesten wurden zwar viele Berichte geschrieben, die meisten davon waren jedoch furchtbar verzerrend wenn nicht verleumderisch. Das hat mich empört, ich fühlte mich zu einer Gegendarstellung verpflichtet, obwohl ich kein politischer Journalist bin. In Frankreich war die Berichterstattung nicht besser, aber immerhin konnten Franzosen die von Gelbwesten besetzten Verkehrskreisel selbst besuchen und sich eine eigene Meinung bilden. Hingegen sind Deutsche, die sich informieren wollen, auf Auslandskorrespondenten und Leitartikler angewiesen. Die Gründe ihres journalistischen Versagens wären ein Forschungsgegenstand für sich&#8230;<span id="more-748"></span></p>
<p>Im Dezember 2018 hatte ich eine Samstagsdemonstration besucht, ich kannte persönlich Menschen, die mitinvolviert waren, vor allem verfolgte ich tagtäglich die Kommunikation der Gelbwesten auf soziale Medien. Eine ihrer Facebook-Seiten zählt 300.000 Mitglieder. Da kann man getrost davon ausgehen, dass die Gefühle, Motive und Meinungen in ihrer ganzen Spannbreite ziemlich getreu wiedergegeben werden. Eine direkte, ungefilterte Kenntnisnahme war ohne großen Aufwand möglich. Stattdessen beschränkten sich die Hauptmedien darauf, die Sichtweise der Regierung zu vermitteln. Macron hatte ja die Gelbwesten eine „hasserfüllte Menge“ genannt, und das wurde zum Leitmotiv der Mediokraten, mit einem überheblich pädagogischen Gebaren gekoppelt: Die einfachen Leute, die da draußen protestieren, seien unqualifiziert, ihnen fehle das Expertenwissen, um wirtschaftliche und politische Zusammenhänge korrekt zu begreifen. Darum könne die Vermittlung nur unilateral geschehen. Die Worte dieser Menschen, ihre Beschwerden, ihre Wünsche wurden für vernachlässigbar gehalten.</p>
<p>Mich interessiert an dieser Bewegung, dass sie absolut neu ist. Sie lässt sich nicht mit herkömmlichen Kategorien begreifen. Das ist auch der Grund, weshalb sie vielen Linken suspekt ist. Sie erkennen die ihnen vertraute Symbolik, die linke Protestsprache nicht wieder. Auch ich war ganz am Anfang nicht sicher, ob sich da nicht eine rechtsnationale Gruppierung zusammenbraute. Das konnte so wenig ausgeschlossen werden, wie umgekehrt eine egalitär-universalistische Entwicklung. Doch gerade diese Unbestimmtheit war das Spannende. Die meisten Teilnehmer hatten keine vorhandene politische Erfahrung. Sie agierten spontan und experimentell. In diesem Sinne waren die Uhren auf null gestellt, eine seltene Gelegenheit, zu prüfen, welche Elemente der altbewahrten Protesttradition schließlich doch unverzichtbar sind, welche nicht, welche wiederum neu erfunden werden und warum. Anstatt sich gleich pro oder kontra zu positionieren, waren Neugierde und Offenheit geboten.</p>
<p>Auf der intellektuellen Ebene war ich von diesen Ereignissen fasziniert, weil sie die Thesen zu bestätigen schienen, die ich ein knappes Jahr davor in meinem Buch „Die lange Nacht der Metamorphose“ vorgestellt hatte. Ich hatte über die soziale und kulturelle Trennung zwischen Peripherien und Metropolen geschrieben, über die negativen Auswirkungen des meritokratischen Systems auf die Globalisierungsverlierer, über die Unempfänglichkeit der urbanen Linken für solche Themen. Damals schrieb ich: „Die meisten Menschen sind unsichtbar gemacht worden.“ Nun zogen sich die Unsichtbaren „Sichtbarkeitswesten“ an&#8230;</p>
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<h3>&#8220;Diese Exklusion ist bereits ein Gewaltakt&#8221;</h3>
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<p><em><strong> L.I.S.A.:</strong> In der medialen Berichterstattung erscheinen die Gilets Jaunes als ein antiliberaler, rechtsextremer, antisemitischer und homophober Mob, der keine andere Agenda habe, außer Gewalt und Chaos zu stiften. Tatsächlich kam es im Verlauf dieses einen Jahres zu Plünderungen und Zerstörungen mit zahlreichen Verletzten und sogar einer Toten. Sie hingegen stellen die Gelbwesten als eine soziale Bewegung dar, die mit konkreten Forderungen agieren würde. Wie erklären Sie sich diese völlig gegensätzlichen Wahrnehmungen und Charakterisierungen?</em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Zunächst einmal: Die vielen Verletzten und Verstümmelten gehen auf das Konto der Repression. Und diese hat Methode. Letztens hat <em>Le Monde</em> den wortwörtlichen Befehl eines Pariser Polizeikommandanten veröffentlicht: &#8220;Geht auf sie los, ohne Rücksicht auf Verluste, schlagt sie nieder, das wird die folgenden Demonstrierenden abhalten!&#8221; Zwangsläufig führt eine solche Strategie dazu, dass die einen aus Angst vor Gewalt lieber zuhause bleiben, die anderen selbst zu Gewalt greifen. Hinzu kommt die Feststellung: Wenn wir uns friedlich versammeln, wird nicht berichtet, wenn mitten auf den Champs-Élysées eine Barrikade brennt, macht sie Schlagzeilen. Zu Plünderungen kam es übrigens so gut wie nie, weil die Gelbwesten Ladenbesitzer nicht gegen sich aufbringen wollten.</p>
<p>Um auf die Kernfrage zu kommen: Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Gewalt und konkreten Forderungen. Wenn hunderttausende auf die Straße gehen, auf das Risiko hin festgenommen oder verletzt zu werden, dann tun sie das, weil ihnen keine vermittelnde Instanz zur Verfügung steht, kein anderer Spielraum bleibt, um ihr Anliegen zur Geltung zu bringen. Diese Exklusion ist bereits ein Gewaltakt. Wenn eine Regierung in der Überzeugung handelt, sie sei im Besitz der einzigen Wahrheit, wird jede Anfechtung sofort als kriminelle Handlung geahndet. Wenn wiederum die Tätigkeit der Regierung als illegitim empfunden wird, wird das staatliche Gewaltmonopol herausgefordert. Beispiele davon lassen sich in der Geschichte zu Tausenden finden.</p>
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<h3>&#8220;Die Gelbwesten erinnern an die Zeit im ausgehenden 19. Jahrhundert&#8221;</h3>
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<p><em><strong> L.I.S.A.:</strong> Sie spannen bei der Analyse der Gelbwesten einen Bogen bis zurück zum Beginn der Französischen Revolution von 1789. Auch damals habe eine unorganisierte und führerlose Masse, die Autorität, König und Elite, recht undifferenziert attackiert &#8211; &#8220;Haut ab!&#8221; -, dadurch aber eine Revolutionierung der gesellschaftspolitischen Ordnung in Gang gesetzt. Wie gut trägt der Vergleich mit der Situation 230 Jahre später und wo sind seine Grenzen?</em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Bei den Gelbwesten ist der Bezug auf die Französische Revolution rein symbolisch. Jedem ist die Geschichte mehr oder minder bekannt, sie ist Teil der großen nationalen Erzählung. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Dreierlosung von 1789 steht ja auf jedem öffentlichen Gebäude. Und die Meinung ist weitverbreitet, dass davon allein die Freiheit konkretisiert worden ist, und zwar nur als marktförmige Freiheit. In meinem Buch ist ein Demonstrant abgebildet, der auf den Rücken seiner Gelbweste geschrieben hat: „Freiheit ohne Gleichheit ist nichts!“ Das ist im Kern die Debatte, die mit 1789 anfing. Wie lassen sich beide gegensätzliche Begriffe versöhnen? Die Antwort der Sansculotten war: Indem denen ein dritter Begriff hinzugefügt wird, Brüderlichkeit oder moderner ausgedruckt: Solidarität. Auf Verkehrskreiseln war oft die Parole zu lesen: „Brüderlichkeit haben wir uns bereits zurückgeholt, Freiheit und Gleichheit kriegen wir noch!“ Um eine weitere Parallele zu 1789 zu ziehen: In seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ schreibt Thomas Piketty von der fortschreitenden „Refeudalisierung der Gesellschaft“. Hinter dem demokratischen Firnis verfestigt sich eine oligarchische Macht, die beinah so erblich ist, wie die Aristokratie des Ancien Régime. Freilich hört damit der Vergleich auf. Niemand hat die Absicht, eine Guillotine zu errichten!</p>
<p>Zudem glaube ich, dass das Urbild von 1789 auch deswegen verwendet wird, weil modernere Bezüge in Vergessenheit geraten sind. Die Geschichte der Arbeiterbewegung wird nicht in der Schule gelehrt. Auf die Frage „Warum singt Ihr denn die Marseillaise?“ antwortete ein Demonstrant: „Es ist das einzige Lied, dass jeder kennt!“ In gewisser Hinsicht erinnern eher die Gelbwesten an die Zeit im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Trennung zwischen ökonomischen und politischen Belangen, sprich: zwischen Gewerkschaften und Parteien noch nicht vollzogen war. Da beide Organisationsformen heute in Diskredit geraten sind, wird auf „primitivere“, symbiotischere Mittel zurückgegriffen.</p>
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<h3>&#8220;Die einen reden von Effizienz, die anderen von Gerechtigkeit&#8221;</h3>
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<p><em><strong> L.I.S.A.:</strong> Die Gilets Jaunes haben es bisher vermieden, eine Organisation zu gründen und sich von einer Führungsgruppe oder einem Sprecherrat repräsentieren zu lassen. Auch Gesprächsangebote der Regierung und des Präsidenten wurden ausgeschlagen. Warum? Macht man sich nicht unglaubwürdig, wenn man als Protestbewegung keine Dialogbereitschaft zeigt? Oder steckt dahinter eine konkrete Strategie?</em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Die Unmöglichkeit eines Dialogs kommt in erster Linie daher, dass beide Seiten verschiedene Sprachen sprechen. Auf der einen Seite der technokratisch-wirtschaftsliberale Diskurs, Argumente der „moralischen Ökonomie“ auf der anderen. Die einen reden von Effizienz, die anderen von Gerechtigkeit. Gesprächsangebote der Regierenden heißen doch: „Ich höre deine Beschwerde aufmerksam zu und erkläre dir dann, warum mein Programm ohne Alternative ist.“ Davon sind sie überzeugt. Die Funktion des Gesprächs besteht ausschließlich darin, die Alternativlosigkeit besser zu kommunizieren.</p>
<p>Ich glaube, dass die Form eines Konflikts immer von der Gegenseite bedingt wird. In der Geschichte Frankreichs mussten soziale Errungenschaften immer erkämpft werden. Kein Bismarck, sondern Fabrikbesetzungen haben zur sozialen Gesetzgebung geführt. Und wenn ein Gesetz für illegitim gehalten wird, dann wird nicht am runden Tisch verhandelt, sondern so lange gestreikt, bis es zurückgenommen wird. In diesem Sinne handeln die Gilets Jaunes durchaus in der landesüblichen Tradition! Neu ist allerdings, dass die institutionelle Regulierung des Kräfteverhältnisses nicht mehr funktioniert. Und da stellt sich sehr wohl die Frage der Organisation. Offensichtlich wird es nicht reichen, jeden Samstag zu demonstrieren. Irgendeine Form von nachhaltiger Gegeninstitution ist vonnöten. Auch mit gewählten Vertretern, demokratischem Prozedere, formalisierten Koordinierungen, Versammlungsräumlichkeiten usw. Das setzt viel politische Fantasie voraus.</p>
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<h3>&#8220;Die Gilets Jaunes reflektieren die zersprengte Arbeitswelt der Gegenwart ziemlich genau&#8221;</h3>
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<p><em><strong> L.I.S.A.:</strong> Apropos Repräsentation: Wen repräsentieren die Gelbwesten eigentlich? Und was sagt das Aufkommen der Gilets Jaunes aus über die aktuellen soziopolitischen Verhältnisse in einer Gesellschaft wie der Frankreichs zum einen und über die Akzeptanz der repräsentativen Demokratie westlicher Ausprägung zum anderen?</em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Die Gilets Jaunes repräsentieren sich selbst. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass sie in der großen Mehrheit gering verdienende Arbeiter, Handwerker und Dienstleister sind, ob in kleinen Betrieben eingestellt oder selbständig. Sie sind zur Hälfte Frauen, wohnen meistens in periurbanen Zonen. Mit anderen Worten, sie reflektieren die zersprengte Arbeitswelt der Gegenwart ziemlich genau. Politisch herrscht unter ihnen das Gefühl, von niemandem vertreten zu sein. Seit Jahrzehnten wird das neoliberale Programm durchgesetzt, ganz gleich, welche Partei regiert. Ich glaube nicht, dass die meisten Gelbwesten die repräsentative Demokratie als solche anfechten, sondern vielmehr die Selbstaufgabe ihrer Handlungsfähigkeit. Daher die scheinbare Paradoxie, Forderungen an eine Regierung zu stellen, deren Entlassung man andererseits verlangt.</p>
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<h3>&#8220;Jenseits der partikularen Beschwerdegründe ein gemeinsames Ziel&#8221;</h3>
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<p><em><strong>L.I.S.A.:</strong> In der Berichterstattung sind die Gilets Jaunes kaum noch sichtbar. Ist die Bewegung damit zu ihrem Ende gekommen? Hat sich der Protest erschöpft? Dagegen ist ein anderer Widerstand mit Riot-ähnlichen Erscheinungen in den Blick der veröffentlichten Öffentlichkeit geraten: der Protest in Hongkong. Ein ähnlicher Fall und damit ein weiteres Symptom für gegenwärtige Legitimationskrisen bestehender Ordnungen?</em></p>
<p><strong>Paoli:</strong> Im vergangenen Jahr fanden Massenproteste und Aufstände in dutzenden Ländern statt. Hongkong ist nur ein Fall davon, in diesem Zusammenhang nicht unbedingt der aufschlussreichste, weil von spezifischen nationalen und geostrategischen Elementen gekennzeichnet. Eine engere Verwandtschaft lässt sich zu den Bewegungen in Libanon, Algerien, <a href="https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/die_leute_wollen_es_nicht_mehr_aushalten?nav_id=8743" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Ecuador und vor allem Chile</a> ausmachen, weil es dort ausdrücklich um die wachsende soziale Ungleichheit geht, und um die komplette Delegitimierung der politischen Klasse. Übrigens fand zwischen all diesen Ländern eine explizite gegenseitige Anerkennung statt.</p>
<p>Sicherlich ist im Laufe der zermürbenden Monate die Zahl der aktiven Gelbwesten zurückgegangen, doch obwohl sie in der Berichterstattung häufig für tot erklärt worden sind, verging kein einziger Samstag ohne Demonstrationen, Besetzungen und Blockaden in mehreren Städten Frankreichs. Aber das ist nicht einmal das ausschlaggebende. Schließlich ist die gelbe Weste nur ein Kleidungsstück. Was von dieser Bewegung erhalten bleibt, ist etwas Diffuseres. Die enorme Mobilisierung gegen die Rentenreform im Dezember 2019 zeigt, wie stark die Gilets Jaunes das allgemeine Protestklima in Frankreich verändert haben. Zwar sind die Streiks von den Gewerkschaften aufgerufen worden, doch ist oft von einer „Giletjaunisation“, einer Vergelbwestenisierung des Konflikts die Rede. Gemeint ist, dass die üblichen Trennungen gesprengt werden. Lehrer schließen sich mit Eisenbahnern zusammen, Rechtsanwälte mit Krankenschwestern, Studenten mit Dockern. Das schönste Ergebnis der Gelbwestenbewegung ist eben, dass es keine Rolle mehr spielt, ob jemand eine gelbe Weste trägt, eine rote Gewerkschaftsjacke, eine „schwarzen Block“-Outfit oder eine klimaaktivistische Maske. Jenseits der partikularen Beschwerdegründe wird ein gemeinsames Ziel ausgemacht.</p>
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<p><em>Guillaume Paoli hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich benatwortet.</em></p>
<p>Quelle: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/gelbwesten?fbclid=IwAR1bzoN2VuEFhrgMhIzS1jYid3PxdvlIpwtflav_wA5rK_0Hl7NLZpWdwx0</p>
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		<title>Die Rückkehr der Entfremdung</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Feb 2019 10:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gab eine Zeit, von den 40ern bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, als Entfremdungskritik allgegenwärtig war. Ohne diese prominente Zutat konnte keine gesellschaftskritische Theorie auskommen. Sie war der gemeinsame Nenner von sonst so verschiedenen Denkern und Strömungen wie Hannah Arendt, Erich Fromm, Cornelius Castoriadis, der Frankfurter Schule oder der Situationistischen. Dann kam...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/die-rueckkehr-der-entfremdung/" title="ReadDie Rückkehr der Entfremdung">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/8b685b6a-0001-0004-0000-000001409909_w948_r1.77_fpx70.07_fpy50.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-759" alt="&quot;The Matrix Reloaded&quot;" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2020/02/8b685b6a-0001-0004-0000-000001409909_w948_r1.77_fpx70.07_fpy50-300x169.jpg" width="300" height="169" /></a></p>
<p>Es gab eine Zeit, von den 40ern bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, als Entfremdungskritik allgegenwärtig war. Ohne diese prominente Zutat konnte keine gesellschaftskritische Theorie auskommen. Sie war der gemeinsame Nenner von sonst so verschiedenen Denkern und Strömungen wie Hannah Arendt, Erich Fromm, Cornelius Castoriadis, der Frankfurter Schule oder der Situationistischen. Dann kam die poststrukturalistische Wende und mit ihr wurde auf einmal der Begriff für obsolet erklärt und komplett entwertet. Trotz zaghafter Rettungsversuche ist der Terminus aus dem intellektuellen Diskurs so gut wie verschwunden. Anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx erschien in der taz ein Artikel mit dem kategorischen Titel: „Entfremdung gehört ins Heimatministerium!“  Das war journalistische Effekthascherei, gewiss, doch selbst Axel Honneth, Leiter des Instituts für Sozialforschung, wundert sich über seine Amtsvorgänger: Wie konnten bloß Adorno und Horkheimer einen solch befremdlichen Fehler begehen? Hätten sie doch wissen müssen, dass die Entfremdungskritik auf unhaltbaren Prämissen ruht. Wir können also diesen plötzlichen Wegfall als einen signifikanten Marker betrachten, der auf die Scheidelinie zwischen Moderne und Postmoderne hinweist.</p>
<p><span id="more-758"></span></p>
<p>Um es gleich klarzustellen, mir geht es nicht darum, die altmoderne Gesellschaftstheorie auf ihren verlorenen Thron zurückzuhieven. Um die intellektuelle Überproduktion zu verringern, plädiere ich in meinem letzten Buch für das Recycling von Theorien, also die Neuverwendung und gegebenenfalls Abwandlung von abgetragenen Begriffen. In diesem Sinne möchte ich die Einwände überprüfen, aufgrund derer die alte Entfremdung verschrottet wurde und schauen, ob diese vielleicht doch noch zu gebrauchen wäre. Dabei geht es nicht so sehr darum, die Problematik zu rekonstruieren, wie sie sich ehemals stellte, sondern eher die Konsequenzen zu betrachten, die die Abkehr von der Entfremdung auf die Gegenwart haben. Wie wir wissen, ist eine extrem unstabile Zeit angebrochen, mit neuartigen Herausforderungen für das Denken. Überdies lässt sich leicht feststellen, dass, wenn es darum geht, die aktuelle politische und soziale Lage zu qualifizieren, das Wort Entfremdung umgangssprachlich Hochkonjunktur hat. Da der intellektuelle Diskurs sich offenbar von der allgemeinen Empfindung entfremdet hat, ist ein Rückblick vielleicht nicht überflüssig.</p>
<p>Lasst uns das Gedächtnis auffrischen. Diesen Stoff kennen wir aus zahlreichen Erzählungen, dem Golem, dem Zauberlehrling, Kubricks 2001 oder Blade Runner: Menschen verlieren die Verfügungsgewalt über ein Artefakt, das sie selbst hergestellt haben. Das Erzeugnis macht sich selbständig, übernimmt die Kontrolle über die Existenz seiner Erzeuger und droht, sie zu vernichten. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, der Sexroboter und der algorithmisch gesteuerten Verhalten hat der Erzählstoff an suggestiver Kraft nichts eingebüßt. Vorgeführt wird ein merkwürdiges Zwitterwesen, das uns weder ganz fremd noch ganz vertraut ist, ein zum Subjekt gewordenes Objekt ­­– oder ist es nur deswegen ein selbständiges Subjekt, weil wir es irrtümlich für ein solches halten?</p>
<p>Wie wir wissen wurde der Erzählstrang von Feuerbach in die Philosophie eingeführt, genauer gesagt in die Religionskritik. Der Mensch hat Gott nach seinem Ebenbild erschaffen und auf ihn die ungeheuerliche Macht der Menschengattung projiziert. Weil die einzelnen Menschen dieser Macht gegenüber machtlos sind, erscheint sie ihnen als ein selbständiges Wesen. Gott ist die entfremdete Menschheit.</p>
<p>Einmal die Kritik des Himmels auf diese Weise erledigt, geht dann Marx zur Kritik der Erde über, dabei bedient er sich derselben Analogie. Das Erzeugnis, das sich von seinen Erzeugern unabhängig macht und ihnen feindlich und fremd gegenübertritt, das ist die Ware. Mit der Industrialisierung werden nicht nur die Produkte der Arbeit zu Waren, auch die Arbeit selbst sowie die Produzenten und Konsumenten, die untereinander als Warensubjekte in Beziehung treten. Für Marx und seine späteren Nachfolger hat die resultierende Entäußerung mannigfaltige Formen: Entfremdet ist der moderne Mensch von seinen Produkten und von seiner Arbeit, von sich selbst und von seinen Mitmenschen, von der Gesellschaft, von der Natur und schließlich von seinem Gattungswesen. Das ist also kein Verhängnis, das eine vermeintliche menschliche Natur innewohne. Auch haben wir nicht im Gegensatz zu Heideggers Begriff von Heimatlosigkeit mit einem unumgänglichen „Geschick“ der technologischen Entwicklung zu tun. Ebenso wenig lässt sich das Phänomen auf eine böswillige Enteignung durch die herrschende Klasse reduzieren. Entfremdung ist die zwangsläufige Auswirkung der Entfaltung der Warenlogik auf die Subjektivitäten. Entfremdungskritik ist Warenkritik. Und diese bezeichnet kein einmaliges Ereignis, sondern einen dynamischen Prozess. Weil die Spirale der abstrakten Wertschöpfung endlos ist, wird nach und nach alles Denkbare und Undenkbare in Waren verwandelt, dabei wird der Entfremdungsmoment immer wieder aktualisiert.</p>
<p>Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie mit dieser Rückblende gelangweilt habe, aber es war vielleicht nicht überflüssig, sich zu vergegenwärtigen, wovon die Rede ist. Wichtig ist hier vor allem, dass diese Denkart sich vornimmt, einen globalen Prozess zu begreifen, und das heißt, dass dieser einerseits über alle Disparitäten hinweg sämtliche Bewohner dieses Planeten ergreift und andererseits die Ganzheit ihrer Beziehungen zur Welt. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Universalschlüssel zur Auflösung des Welträtsels ein für allemal zur Verfügung stünde. Die verschiedenen Denker, die auf den Entfremdungsbegriff zurückgriffen, wendeten sich in erster Linie gegen den orthodoxen Marxismus, und es ist deswegen unlauter, ihre heterodoxen Theorien zusammen mit dieser Orthodoxie zu disqualifizieren. Nur lässt sich kaum bestreiten, dass die weltweite Kommodifizierung auf der longue durée der wichtigste Prozess ist, der den menschlichen Gesellschaften widerfährt, was sich in der Alltagsprache mit der nichtssagenden Vokabel „Globalisierung“ niederschlägt.</p>
<p>Damit treffen wir auf die erste Unverträglichkeit: Um einen universellen Zusammenhang beschreiben zu können, benötigt man einen universellen Diskurs. Für die poststrukturalistische Denkrichtung ist das aber die Ursünde, da nur pluralistische, dezentrierte, hybride Theorien als legitim gelten. Folglich wird ein Diskurs, der die marktförmige Hegemonie beschreibt, selbst für hegemonial gehalten. Anmaßend und kolonialistisch sei nicht das Eindringen der Warenlogik in sämtliche Bereiche des Lebens, anmaßend und kolonialistisch sei der Diskurs, der dieses Eindringen zu begreifen versucht. Dieses Postulat hat zu einem fragmentierten Blick auf die soziale Realität geführt und politisch zu der Aneinanderreihung von minoritären Anliegen, die sich davor hüten, gemeinsame Sache zu machen.</p>
<p>Freilich ist der Blick auf die Totalität nur Teil des Ganzen. Man wird keinen Gefallen daran finden, alles über einen Kamm zu scheren und, ganz gleich, ob von iPhones, politischen Parteien, Tomaten oder Finanzkrise die Rede ist, dieselbe allgemeine Diagnose zu wiederholen. Die Universalisierung eines abstrakten Prinzips heißt nicht, dass alle konkrete Differenzen wegfallen. Auch vom Standpunkt der Entfremdungskritik sind Feinbestimmungen und spezifische Analysen vonnöten und sei es nur, weil mit jeder Innovation die Form der Entfremdung mutiert. Aus dieser Perspektive mögen sich auch Leistungen als hilfreich erweisen, die dem poststrukturalistischen Spektrum zuzurechnen sind, vorausgesetzt, die Metaebene wird nicht verblendet. Schließlich geht es immer darum, fügige und berechenbare Warensubjekte zu produzieren.</p>
<p>Diesbezüglich möchte ich einen wichtigen Punkt unterstreichen. Derzeit wird der kulturalistischen Linke häufig vorgeworfen, die ökonomischen Belange der Bevölkerung außer Acht gelassen zu haben und folglich ins politische Abseits geraten zu sein. Die Sorge um gendergerechte Toiletten und feministische Pornos hätte die Hartz-IV-Empfänger an die Rechtspopulisten ausgeliefert. Da treffen wir wieder auf die alte dogmatische Gegenüberstellung von Haupt- und Nebenwiderspruch. Ich glaube, dass diese Ansicht auf den Holzweg führt. Zwar wird neuerdings dazu aufgerufen, die Arbeiterklasse gleichberechtigt mit LGBT und weiteren Minoritäten in eine gemeinsame Bewegung zusammenzuführen. Dabei wird jedoch der Arbeiterklasse weiterhin unterstellt, sie hätte ausschließlich ökonomisch bedingte Motive, und LGBT ausschließlich kulturelle. Sie seien nur durch den gemeinsamen Feind geeint.</p>
<p>Doch was sich die postmoderne Linke meines Erachtens vorzuwerfen hat, ist nicht, dass sie die ökonomische Sphäre ungenügend ernstnimmt, sondern dass sie diese vermeintlich autonome Sphäre unversehrt belässt (ganz gleich, wie oft „gegen den Neoliberalismus“ geschimpft wird). Somit wird die künstliche Spaltung zwischen Ökonomie und Kultur anerkannt und fortgeführt. Irgendwie erinnert das an die erste Feuerbach-These, eine These übrigens, die die meisten Marxisten systematisch übersehen haben. Da begnügt sich Marx nicht damit, die Idealisten dafür zu beschuldigen, dass sie die schmutzige, gegenständliche Tätigkeit ignorieren. Zugleich wirft er den Materialisten vor, die sinnlich-subjektive Seite der Wirklichkeit den Idealisten zu überlassen. Infolgedessen, schreibt er, wird die Gesellschaft „in zwei Teile“ gesondert, „von denen der eine über ihr erhaben ist.“</p>
<p>Meiner Meinung nach erklärt eine ähnliche Einteilung, dass Neoliberalismus und Poststrukturalismus zur gleichen Zeit hegemonial geworden sind. Welcher Diskurs ist nicht dekonstruiert worden? Nun, der ökonomische Diskurs. Ein seltsames Versehen. Das führt zu dem für Leugner des Naturbegriffs äußerst paradoxen Umstand, dass Markt, Ware und Arbeit wie eine zweite Natur erscheinen, eine unabänderliche Kulisse, vor der sich der Maskenball der Subjektivitäten abspielt.</p>
<p>Man mag von der Entfremdungskritik halten, was man will, immerhin wurde dadurch versucht, ein Phänomen sowohl von der objektiven als auch von der subjektiven Seite aufzufassen. Als nach hundert Jahren Dornröschenschlaf Marxens Jugendschriften entdeckt worden waren, wurden sie als Waffe gegen den ökonomischen Reduktionismus eingesetzt. Entfremdungskritiker meinten: Ob die Ausbeutung durch Umverteilung sozialdemokratisch reduziert wird oder ob das Privateigentum in Staatseigentum bolschewistisch transferiert wird, das fundamentale Problem bleibt ungelöst, nämlich, dass Menschen weiterhin unter Bedingungen leben, die ihnen entgehen.</p>
<p>Selbstverständlich ist keine Sozialtheorie neutral. Die Entfremdungstheorie ist nicht nur deskriptiv, sie geht von der Möglichkeit einer Überwindung der dargelegten Missstände aus. Anders herum lief die Kritik der Entfremdungskritik schon immer auf das Ersuchen hinaus, sich mit der Welt in ihrem Jetztzustand abzufinden. Diesbezüglich kam vielleicht der erste Versuch von dem Ex-Nazi und „Extremisten der Ordnung“ Arnold Gehlen in seinem Essay: „Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2019/02/44945117_10155616237865826_2192623221705015296_n.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-767" alt="44945117_10155616237865826_2192623221705015296_n" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2019/02/44945117_10155616237865826_2192623221705015296_n-200x300.jpg" width="200" height="300" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es sei daran erinnert, dass die Rebellion der 60er und 70er Jahre sich als Revolte gegen die entfremdete Arbeit verstand. Über Forderungen nach höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten hinaus verbreitete sich eine massive Auflehnung gegen Ohnmacht und Sinnlosigkeit. Boltanski und Chiapello haben dokumentiert, wie damals das Management auf die Renitenz der Beschäftigten antwortete:  Um die Ausbeutung zu bewahren und gar zu verstärken wurde die Entfremdungskritik freundlich aufgenommen. Fortan wurden Werte gefördert wie Kreativität, Mobilität oder Selbstverwirklichung, die direkt aus der Kritik der entfremdeten Arbeit entliehen worden waren. Geht man jedoch davon aus, dass Ausbeutung und Entfremdung zwei Seiten einer Medaille sind, konnte die vorgebliche Beseitigung der Entfremdung nur zu gesteigerter Entfremdung führen.</p>
<p>Man mag diese Interpretation ablehnen. Dann aber muss eine alternative Interpretation ran. Was ist aus der fundamentalen Arbeitskritik geblieben? Im besten Fall wird das „Prekariat“ als eine benachteiligte Gruppe unter vielen angesehen. Soll das heißen, dass Festangestellte keinen Grund haben, sich zu beschweren? Überhaupt wird in gegenwärtigen linken Theorien die Tatsache weitgehend vernachlässigt, dass die allermeisten Menschen sich <i>verdingen</i> müssen (ich weise auf die tiefe populärphilosophische Bedeutung dieses Verbs hin), und das nicht obwohl, sondern weil diese Tatsache die Mehrheitsgesellschaft betrifft.</p>
<p>Kommen wir jetzt zu dem Vorwurf, der am häufigsten erhoben wird. Einen scheinbar selbstverständlichen Einwand, der der Idee von Grund auf widerspricht, nämlich: das Totschlagargument des Essenzialismus. Es beruht auf der Frage: <i>Was</i> soll denn entfremdet worden sein? Wovon haben sich die als entfremdet beschriebenen Phänomene eigentlich entfernt? Die Vorstellung setzt doch voraus, dass es so etwas wie einen wahren, ursprünglichen, authentischen Kern gäbe, welcher irgendwann entstellt worden sei. Doch gerade solch metaphysischen Kategorien hat die poststrukturalistische Theorie den Garaus gemacht. Zudem ist die Sehnsucht nach Wiederherstellung eines vermeintlichen Urzustands zutiefst regressiv, um nicht zu sagen reaktionär. Salopp gesagt: Früher war alles besser.</p>
<p>Wie ich finde, zeugt dieser Vorwurf entweder von Unwissen oder von Unaufrichtigkeit.</p>
<p>Um auf Ludwig Feuerbach zurückzukommen, der die Folie für die weiteren Entfremdungstheorien lieferte: Man kann von seiner Religionskritik halten, was man will, falsch wäre allerdings, daraus zu schließen, dass die Menschen, als sie noch keinen Gott erschaffen hatten, selber Götter waren! Selbstverständlich meint er etwas ganz Anderes, nämlich dass die Religion eine Zwischenstufe im Prozess des Selbstbewusstseins und der Selbstverwirklichung ist. Ähnlich Marx. Bei ihm sucht man vergeblich nach rückwärts gerichteter Nostalgie. Sein Leben lang mokiert er sich über die Sozialromantiker, die sich nach einem verklärten Urzustand sehnen, hieße dieser die Zünfte des Mittelalters, das nomadische Leben im Paläolithikum oder die soziale Marktwirtschaft unter Ludwig Erhard. Die Frage der Ursprünglichkeit ist nicht nur unergründlich, sie ist irrelevant. Entfremdung ist kein Urereignis, sie entsteht immer wieder von neuem in dem Maße wie marktförmige Lebensumstände produziert werden.</p>
<p>Erinnern wir uns zum Beispiel an den Enthusiasmus, der die Verbreitung des Internets begleitete. Zumindest in der digitalen Sphäre schien die kommunistische Abschaffung von geistigem Eigentum, hierarchischer Kommunikation und monetärem Zwang zum Greifen nah. Stattdessen haben wir heute noch mehr Ausbeutung, Überwachung, Verblödung und Zeitverschwendung bekommen. Das ist kein Grund, um der guten analogen Zeit nachzutrauern. Das, was entfremdet worden ist, sind die Potenzialitäten und die Begehren, die zusammen mit der Entstehung der digitalen Welt hervorgerufen wurden.</p>
<p>Anders ausgedrückt: Der Entfremdungsbegriff setzt auf die Perfektibilität, auf die Vervollkommnungsfähigkeit der Gesellschaft. Das ist also das exakte Gegenteil von Essenzialismus. Wenn es ein unverfälschtes Leben gibt, oder ein autonomes Subjekt, dann nur als Vor-Stellung, als imaginiertes Projekt. Sicher ist uns die dialektisch verbürgte Zuversicht nicht mehr gegönnt, ein solches Projekt entspräche einer historischen Notwendigkeit. Es sind immer mit Rückfällen in die Barbarei zu rechnen, und gewisse Zeichen deuten darauf hin, dass wir momentan eher in diese Richtung steuern. Andererseits ist die Behauptung, dass es keine minderwertige Rasse oder Geschlechtsorientierung gibt, nicht bloß eine eurozentrische Meinung, sondern eine universelle Wahrheit. Und sie musste und muss noch erkämpft werden. Perfektibilität als Möglichkeit ist eben das Gegengift gegen die Barbarei.</p>
<p>Da lacht der Poststrukturalist. Selbst wenn der Hebel der Wahrheit in die unbestimmte Zukunft verlagert wird, nichtsdestotrotz werde so getan, als ob es möglich wäre, das falsche Bewusstsein vom Standpunkt des richtigen zu kritisieren. Freilich lässt sich der Einwurf seinen Absendern zurückschicken: Was wird Anprangern eines falschen Bewusstseins vorgeworfen, wenn nicht falsches Bewusstsein? Um es mit Sigmund Freud zu sagen: Skeptiker täten gut dran, gelegentlich auch an ihrer Skepsis zu zweifeln. Dazu eine kleine Anmerkung.</p>
<p>Am Anfang stehen nicht Authentizität oder Wahrheit, sondern Fälschung und Lüge. Solange ein Gegenstand unverfälscht bleibt, ist er nicht authentisch, er ist einfach da. Der Anspruch auf Wahrheit oder Authentizität wird erst als Reaktion auf tatsächliche Betrüge und Manipulationen erhoben. Ich muss nicht im geistigen Besitz einer Essenz der Schokolade sein, um zu beurteilen, dass eine Tafel mit 0,2% Kakaoinhalt gefälschte Schokolade ist. Ebenfalls setzt eine Erfahrung der Ohnmacht keinen Begriff der Macht voraus. Zur Erinnerung: Zuerst waren nicht die griechischen Philosophen da, die mit der Wahrheitskeule auf ihre Zeitgenossen eindroschen. Zuerst waren die Sophisten da, die ihre relativistische Rhetorik an die Meistbietenden verkauften. Damals schon war die Legitimität eines Diskurses allein eine Affäre von Angebot und Nachfrage. Dagegen reagierten die Philosophen mit der Suche nach allgemeingültigen Wahrheitskriterien. Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass nach Abkehr von der Philosophie in akademischen Kreisen viele sophistische Wortspielereien betrieben worden sind.</p>
<p>Zum Schluss möchte ich auf einen Punkt zurückkommen, den ich am Anfang kurz erwähnte, nämlich die Entfremdung des Menschen von seinem Gattungswesen. Selbstverständlich werden poststrukturalistisch geschulte Zeitgenossen nur ein herablassendes Lächeln dafür übrighaben. Bloß, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Gattungswesen Mensch, kaum rausgeschmissen aus der Geisteswissenschaft, lautstarken Einzug in die Naturwissenschaft gehalten hat. Und zwar nicht als abstraktes Postulat, sondern als empirisch festgestelltes Resultat. Sie werden verstanden haben, dass damit das Anthropozän gemeint ist. Wer ist dieser Anthropos, der zum wichtigsten Destabilisierungsfaktor des Erdsystems geworden ist? Hier erhält die Entfremdungshypothese eine überraschende Plausibilität. „Die moderne Gesellschaft gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor&#8221;. Das war ein Satz aus dem kommunistischen Manifest. Zumindest entspricht das Anthropozän einer schwachen Definition von Entfremdung wie sie von manchen Autoren verwendet wird, nämlich der Kontrollverlust, der entglittene Teil der menschlichen Aktivität, die Summe derer nicht intendierten und nicht antizipierten Folgen. Zusammengenommen und einmal eine gewisse Schwelle überschritten, haben sich diese Effekte in Ursachen verwandelt.</p>
<p>Nun sind die Konsequenzen offenkundig, aber in der Form des unglücklichen Bewusstseins, weil wir bisher nicht vermögen, den Prozess zu korrigieren, geschweige denn zu stoppen. Eindeutig ist außerdem, dass das Anthropozän keine zwangsläufige Folge des Bevölkerungswachstums ist. Es setzte mit der industriellen Revolution ein und beschleunigte sich mit der Globalisierung der Märkte.  Unter der Lupe betrachtet, besteht das globale Phänomen aus unzähligen spezifischen Entscheidungen, die von Experten, Technokraten und Lobbies getroffen wurden, mit dem unmittelbaren Ziel der Profitmaximierung. Und solange dieses Ziel besteht, rasen wir gegen die Wand. Da gehen wir sozusagen von Feuerbach zu Marx über. Insofern sind manche Autoren nicht im Unrecht, wenn sie statt von Anthropozän von „Kapitalozän“ reden. Da erhält das Projekt einer Überwindung der Entfremdung eine neue Qualität. Wie es Albert Camus meinte: Die Aufgabe ist nicht so sehr eine neue Welt zu erschaffen, als die Selbstabschaffung der existierenden Welt zu verhindern. Es bleibt noch zu erforschen, welche Denkart dieser Aufgabe gerecht werden kann.</p>
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		<title>Was begehrt das Volk?</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Jan 2019 12:26:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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				<content:encoded><![CDATA[<a href="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2019/01/1190646-prodlibe-2019-0174-ag-gilets-jaunes-a-commercy.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-717" alt="1190646-prodlibe-2019-0174-ag-gilets-jaunes-a-commercy" src="http://guillaumepaoli.de/wp-content/uploads/2019/01/1190646-prodlibe-2019-0174-ag-gilets-jaunes-a-commercy-300x239.jpg" width="300" height="239" /></a>
<p>Zunächst ein wichtiger Hinweis: Die „Versammlung der Versammlungen“, die am Wochenende in Commercy tagte, ist nicht repräsentativ für die Bewegung der Gilets Jaunes. Sie gibt es auch gerne zu. Eigentlich ist ihr Aufruf in erster Linie an die anderen Gilets Jaunes gerichtet, damit sie sich zu der Dynamik einschließen, die Commercy im Gang gesetzt hat. Allein ihr Überschrift verdeutlicht, dass die Versammlung aus bereits konstituierten Versammlungen besteht. Anwesend waren um die 350 Delegierte, die von circa hundert Gruppen bevollmächtigt worden waren – was schon eine beachtliche Leistung ist. Nur: In ihrer großen Mehrheit sind die Gilets Jaunes nicht formal organisiert. Sie treffen sich regelmäßig bei Blockaden, Besetzungen und Demos, reden selbstverständlich miteinander, haben sich jedoch bisher nicht darum gekümmert, eine kollektive Debatte zu formalisieren. Ein Beispiel: Nach der Pariser Demo am Samstag fand eine „Nuit Jaune“ auf dem Platz der Republik statt, die ziemlich schnell von der Polizei aufgelöst wurde. Bezeichnenderweise wurde dort keine Rede gehalten, es wurde nicht im Ansatz versucht, eine kollektive Diskussion zu organisieren.<span id="more-716"></span></p>
<p>Deutlich war auch in Commercy, dass sich Menschen zusammentrafen, die in der Regel auf eine gewisse militante Erfahrung verfügen. Das war bereits durch ihr elaboriertes Vokabular feststellbar. Ein Kontrast zu der Facebook-Seite „La France en Colère !!!“, die 300000 Mitglieder zählt. Dort schreiben Leute, die die französische Sprache kaum beherrschen und meistens ziemlich konfuse Meinungen äußern. Ohnehin ist das Medium für eine artikulierte Diskussion denkbar ungünstig. Ein weiterer Unterschied: In der „Versammlung der Versammlungen“ waren Leute aus Paris und Umgebung stärker repräsentiert als sonst  –was übrigens dazu führte, dass die Mietfrage angesprochen wurde, die für Bewohner des peripheren Frankreich nicht so akut ist und  entsprechend vernachlässigt wird. Aus Saint-Nazaire waren Delegierte der besetzten „Maison du Peuple“ anwesend, die bereits bei der Bewegung gegen das Arbeitsgesetz 2016 aktiv waren. Man könnte fast sagen, dass Commercy aus einer Mischung von „Nuit Debout“ und Verkehrskreiselbesetzung bestand. Wohlgemerkt: Damit ist nicht gemeint, dass die Menschen in Commercy sich gegenüber den Gilets Jaunes parasitär verhalten würden. Sie sind Teil davon, doch eben der Teil, der auf eine vorhandene Kultur des konstruierten Dialogs verfügt.</p>
<p>Wer es sich einfach machen will, wird daraus schließen, dass die Versammlung von Commercy den „linken Flügel“ der Bewegung darstellt. Das ist insofern falsch, als die anderen keinem „rechten Flügel“ zuzuordnen sind. Eher könnte man von einem „culture gap“ sprechen (wohlgemerkt: Kultur ist nicht unbedingt Bildung), wobei anzumerken ist, dass die „Versammlung der Versammlungen“ auf die dynamische Überwindung dieser Differenz setzt, anstatt sich wie andere in ihrem Linken-Dasein einzuigeln. Ohne Zweifel waren in Commercy auch Menschen anwesend, die erst in den letzten zwei Monaten politisiert worden sind. Direkte Kommunikation ist die Bedingung einer konstruierten Reflexion, eines gegenseitigen Lernprozesses.</p>
<p>In ihrer Gesamtheit lebt die Bewegung von Aktionen, und ihre Radikalisierung kommt aus der Notwendigkeit, sich ständig zu überbieten, um weiter bestehen zu können. Auf die Dauer bringen die Samstagsdemonstrationen nichts mehr, sie drohen, nachzulassen, also werden nach Mitteln gesucht, um einen Gang höher zu schalten. Das ist der Sinn des Aufrufs zum Generalstreik am 5.2. Ein solcher Aktivismus ist taktisch klug, doch für die Strategie reicht er nicht aus. Bekanntlich haben die Gilets Jaunes als Facebook-Event angefangen. Das hat eine superschnelle, flächendeckende Verbreitung möglich gemacht. Nun ist aber die Tatsache, dass die meisten Teilnehmer ausschließlich über Facebook untereinander verbunden sind, ein Hindernis für den kollektiven Aufbau. Sie werden per Online-Umfragen über Forderungen und Vorschläge konsultiert, die nur binäre Entscheidungen zulassen. Die Logik des Netzwerks führt zu der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, welcher als Bedingung für den Einheitskampf aufgefasst wird.</p>
<p>So hat sich in den letzten Wochen eine einheitliche Forderung durchgesetzt: Das „Referendum d’Initiative Citoyenne“ (RIC): Volksbegehren, die von den Bürgern selbst eingeleitet wären und über sämtliche Aspekte des öffentlichen Lebens entscheiden könnten. Diese Forderung einmal verwirklicht wäre es dann möglich, so die Überlegung, alle anderen Forderungen durchzusetzen: Mindestlohnerhöhung, Vermögenssteuer und gar die Entlassung des Staatspräsidenten. Natürlich ist das RIC in der bestehenden Situation eine völlig unrealistische Option (es benötigte zumindest eine neue Staatsverfassung). Es geht von der naiven Vorstellung aus, die Politik könne alles entscheiden, wenn sie nur wollte. Vor allem kennzeichnet es eine seltsame Auffassung von Direktdemokratie: Jeder sitzt vor seinem Computer und clickt ja oder nein, leave oder remain an. Das potenzierte Change.org! Was ist das „Volk“ des Volksbegehrens? Die Gesamtheit der User. Die Mehrheit gewinnt. Wie im bestehenden System sind Diversität und Minderheiten nicht vorgesehen.</p>
<p>Es besteht also ein ziemlich starkes Verhältnis zwischen der Nutzung von digitalen Plattformen und dem vereinheitlichenden Begehren nach Volksbegehren. Wie einst die Piratenpartei meinen diese Gilets Jaunes, politische Souveränität sei mit technischen Lösungen allein realisierbar. Doch der Schein trügt: Im Grunde ist das digitale Netzwerk zentralistisch. Dies ist übrigens der Grund, weshalb auch Rechte sich für diese Art von Direktdemokratie und Volksbegehren stark einsetzen. Von Versammlungen und Demos werden sie regelmäßig rausgeschmissen. Im Netz können sie dank der Anonymität trollen und Affekte mobilisieren. Sie hoffen, dass über das RIC ausländerfeindliche Maßnahmen eine Mehrheit gewinnen könnten. Doch obschon sie immer wieder versuchen, auf Facebook-Seiten der Gilets Jaunes Einfluss zu nehmen, treffen sie auf breite Ablehnung, sei es nur aus dem Grund, ihr Fascho-Gequatsche spaltet die Aktionseinheit. Der tatsächliche Gegensatz innerhalb der Bewegung lässt sich also nicht einfach auf den Links-Rechts-Gegensatz reduzieren. Es besteht vielmehr aus der Frage, wie die Kommunikation konstruiert wird.</p>
<p>Zurück zu Commercy. Das Modell ist hier ein föderalistisches. Es erinnert an Murray Bookchins libertären Munizipalismus. Lokale Versammlungen verbünden sich für ein gemeinsames Ziel, versuchen jedoch nicht, einen mehrheitlichen Entscheidungsprozess einzuleiten. Darum wird im Aufruf die „Stärke durch Diversität“ betont. Am Wesentlichsten ist der direkte Austausch, die erlebte Demokratie, nicht die digitale Verbindung, die aus isolierten Nutzern und abstrakten Mehrheiten besteht, auch nicht der blanke Aktivismus (davon könnten auch die Black Blocks lernen). Vor allem trachtet die „Versammlung der Versammlungen“ nach ihrer Generalisierung. Es geht nicht darum, sich als Hüter der reinen Lehre abzusondern, sondern auf das Ansteckungspotenzial der Kommunikation zu setzen (davon könnten auch manche deutsche Linken lernen). Ohnehin finden sich alle gemeinsam auf der Straße wieder. Ob solch optimistischen Versuche im heutigen desolaten Kontext Chancen haben, sei dahingestellt. Die pessimistische Alternative braucht man aber nicht suchen. Auf alle Fälle: Die außerordentlichen Erfahrungen, die all diese Frauen und Männer momentan machen, werden langfristige Auswirkungen auf ihr Leben haben. Frankreich wird nicht so bald zur Ruhe kommen.</p>
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		<title>Anatomie einer Desinformationskampagne</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Dec 2018 14:09:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Immer wieder wird auf meine Timeline das Interview gepostet, das Jan Feddersen mit Daniel Cohn-Bendit über die Gelbwesten führte (taz vom 6.12.18). Den Leuten scheint insbesondere ein Satz zu gefallen: „Die Linke macht mal wieder den Fehler, den sie immer macht: Revolten, die ihr Herz erwärmen, schon für emanzipativ zu halten“. Über die Behauptung lässt...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/anatomie-einer-desinformationskampagne/" title="ReadAnatomie einer Desinformationskampagne">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Immer wieder wird auf meine Timeline das Interview gepostet, das Jan Feddersen mit Daniel Cohn-Bendit über die Gelbwesten führte (taz vom 6.12.18). Den Leuten scheint insbesondere ein Satz zu gefallen: „Die Linke macht mal wieder den Fehler, den sie immer macht: Revolten, die ihr Herz erwärmen, schon für emanzipativ zu halten“. Über die Behauptung lässt sich streiten. Unleugbar ist allerdings, dass Cohn-Bendit sich vor keiner Faktenverdrehung scheut, um die Gelbwesten als rechtsextrem zu diffamieren. Das wäre nicht sonderlich erwähnenswert, wenn nicht beispielhaft für eine laufende Desinformationskampagne, deren Mechanismen in diesem speziellen Fall sich leicht rekonstruieren lassen.  Dafür muss ich ein wenig ins Detail gehen. Aber es lohnt sich.<span id="more-707"></span></p>
<p>Cohn-Bendit sagt:</p>
<p>„Der überwiegende Teil der Gelbwesten-Bewegung stammt aus dem Front National, aus dem Reservoir der ganz Rechten.“ Eine kühne Behauptung; Zum Zeitpunkt des Gesprächs sind bereits etliche Studien, Kartografien und Umfragen veröffentlicht worden, die auf das Gegenteil schließen. Aber Cohn-Bendit weiß: „Wie Sprecher es ausdrücken“, hätten die Gelbwesten „am liebsten wieder einen General an der Spitze“ des Staates. Woher hat er die Information?</p>
<p>Tatsächlich sagt am 3.12 ein als „Sprecher der Bewegung“ angekündigter Gast beim Radiosender Europe 1: &#8220;Ich persönlich könnte mir General de Villers als Regierungschef gut vorstellen. Wir brauchen einen starken Mann“.</p>
<p>Dieser Radiogast heißt Christophe Chalençon, ein Schmied aus dem Vaucluse. In diesem Departement hatten sich Anfang November 13000 Menschen über Facebook zum Event „Landesweite Bewegung gegen Spritpreiserhöhung“ angemeldet. Ganz schnell wird Chalençon, so die Zeitung La Provence, zum „selbsternannten und sehr medienaffinen Vertreter des Vaucluse.“  Doch berichtet dieselbe Zeitung am 14.11., dass der Mann nicht unumstritten ist. Mitglieder des Kollektivs beklagen, dass er „das Wort monopolisiert um sehr engagierte Reden zu halten, die manche Teilnehmer verschrecken.“ Noch bevor die ersten Aktionen beginnen, wendet sich die Gruppe offiziell von Chalençon ab, weil er „in rechten Kreisen verkehrt“ und „jede Gelegenheit nutzt, um sektiererische Ansichten zu verbreiten“. Sie betonen: „Er behauptet, in unserem Namen zu sprechen, aber das stimmt nicht.“</p>
<p>Mit ihrem ersten Aktionstag werden die Gelbwesten zum großen Ereignis, und die Medien suchen frenetisch nach Ansprechpartner. Obwohl in seiner Region diskreditiert, in Paris ist Chalençon ein sehr gefragter Gast. Allein im Sender BFMTV spricht er 31 Mal in 4 Tagen! Dass er für homophobe und islamfeindliche Auslassungen bekannt ist, scheint die Medienmacher nicht zu stören. Im Gegenteil, es hilft zur Verleumdung des Protests. Das ist kein Einzelfall. In den ersten Tagen haben in mehreren Regionen rechte Rattenfänger die politische Unerfahrenheit der Gruppen ausgenutzt, um als Sprecher zu fungieren. Da ist zum Beispiel ein Benjamin Cauchy aus Toulouse.  Nachdem seine Kontakte zu Ultrarechten nachgewiesen worden sind, wird er von den Gilets Jaunes der Haute-Garonne desavouiert. Doch im Fernsehen ist er nach wie vor omnipräsent.</p>
<p>Zurück zu Cohn-Bendit. Gefragt, woraus er entnimmt, dass die Anführer der Gelbwesten rechtsradikalen Haltungen nahestehen, antwortet er: „Einige, die jetzt das Wort im Fernsehen führen, haben ihre Websites voller Texte gegen Muslime, gegen Ausländer, gegen alles Fremde.“ Das stimmt schon, nur zu „Anführern“ sind diese Leute nicht von den Gelbwesten gemacht worden, sondern von den Medien. Und von der Regierung.</p>
<p>Am Tag nach dem Krawall am Triumphbogen geben Chalençon, Cauchy und acht andere bekannt, dass sie aufgrund der „Radikalisierung“ des Protests zu sofortigen Verhandlungen mit der Regierung bereit sind. So werden Rechtsextreme plötzlich als „moderate Gelbwesten“ dargestellt. Angeblich eine gefährliche Haltung: Sie erzählen überall, sie hätten deswegen anonyme Anrufe und gar Morddrohungen erhalten.</p>
<p>Die übrigen Gelbwesten sind sich darüber einig: Kein Gespräch mit der Regierung findet statt, ehe diese auf ihre Forderungen konkret eingeht. Verständlicherweise fühlen sie sich von der Initiative der rechten Opportunisten hintergangen. Und versuchen, sie davon abzuhalten, wenn auch mit dubiosen Mitteln. Hingegen ist der Premierminister Philippe sehr erleichtert: Endlich wollen Protestierende mit ihm reden. Da schaut man nicht zu sehr, mit wem man eigentlich zu tun hat. Am 7.12., dem Vorabend des nächsten Aktionstages, werden die „Vertreter“, sie nennen sich auch „freie Gelbwesten“, im Hotel Matignon empfangen.</p>
<p>Wie erzählt Cohn-Bendit die Geschichte? „Diese Bewegung hat mehr als nur leicht autoritäre Züge“, sagt er. „Sie lehnt das Gespräch ab, sie will keinen Kompromiss finden. Zum Beispiel hat sie diejenigen, die einen Verhandlungskompromiss finden wollten, mit dem Tod bedroht.“ Er verschweigt also, dass die Rechtsextremen, deren Präsenz in der Bewegung er anprangert, genau dieselben sind, die über die Köpfe der Anderen verhandeln wollen und deswegen angedroht worden sind. Und das verschweigt er willentlich; er wird wohl die Zeitung Libération gelesen haben, woraus ich all diese Informationen entnommen habe. „Autoritär“ nennt Cohn-Bendit die Kompromisslosigkeit der Gelbwesten, und nicht die Vereinnahmung der Bewegung durch selbsternannte Vertreter.</p>
<p>Kleine Bemerkung en passant: Im Mai 1968 hatte Cohn-Bendit seine Karriere damit begonnen, dass er sich als Sprecher einer Bewegung selbstdarstellte, die keinen Sprecher haben wollte. Der Mann konnte und kann keine Fernsehkamera sehen, ohne den Mund aufzureißen, für die Medien ein gefundenes Fressen. Aber die Zeiten haben sich geändert. In der taz wird Cohn-Bendit als „proeuropäischer Aktivist“ vorgestellt. Unerwähnt ist seine Beratertätigkeit für Emmanuel Macron, obwohl diese seine Aussagen unter einem etwas anderen Licht stellt.</p>
<p>Fazit: Die rechten Tendenzen, die innerhalb der Bewegung der Gelbwesten stets auf Ablehnung gestoßen sind, wurden von Medien und Regierung systematisch gefördert. Obwohl diese Verzerrung immer offensichtlicher wird, hierzulande prägt sie weiterhin die öffentliche Meinung. Um Cohn-Bendit zu paraphrasieren: Liberale machen mal wieder den Fehler, den sie immer machen: Informationen, die ihre Vorurteile bestätigen, schon für wahr zu halten.</p>
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		<title>Von Verklemmungen und Bewegungen</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Dec 2018 11:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Als sie 1940 im Londoner Exil lebte, schrieb die französisch-jüdische Philosophin Simone Weil eine denkwürdige „Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“. Die Demokratie, argumentierte sie, würde viel besser funktionieren, wenn jeder Mandatsträger sich im eigenen Namen entscheiden könnte und sich je nach Angelegenheit mit den einen oder anderen Kollegen unabhängig von ideologischen Zugehörigkeiten zusammenschließen...  <a class="excerpt-read-more" href="http://guillaumepaoli.de/allgemein/von-verklemmungen-und-bewegungen/" title="ReadVon Verklemmungen und Bewegungen">Weiter &#187;</a>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Als sie 1940 im Londoner Exil lebte, schrieb die französisch-jüdische Philosophin Simone Weil eine denkwürdige „Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“. Die Demokratie, argumentierte sie, würde viel besser funktionieren, wenn jeder Mandatsträger sich im eigenen Namen entscheiden könnte und sich je nach Angelegenheit mit den einen oder anderen Kollegen unabhängig von ideologischen Zugehörigkeiten zusammenschließen würde. Stattdessen förderten alle Parteien Herdentrieb und Prinzipienvergessenheit. Laut Weil ist politischer Pluralismus dem Einparteisystem gegenüber einzig aus dem Grund von Vorteil, dass die totalitären Keime, die jeder einzelnen Partei innewohnen, sich dank der Konkurrenz gegenseitig neutralisieren. Indes sei der prinzipielle Mangel des politischen Geschäfts nicht aufgehoben, nämlich dass die Sorge um das Gemeinwohl von der Pflicht zur Parteidisziplin stets gedrosselt werde. Es gelte, eine bessere Gestalt zu erfinden.<span id="more-713"></span></p>
<p>Hat jetzt die Stunde des Wandels geschlagen? Freilich hat Simone Weils Vision mit der politischen Erosion wenig zu tun, die gegenwärtig die alten parlamentarischen Demokratien heimsucht. In Europa sterben Parteien aus. Ob in Italien Christdemokraten und Kommunisten oder in Frankreich Gaullisten und Sozialisten, Formationen, die jahrzehntelang die festen Koordinaten des bipolaren Systems darstellten, sind bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Selbst im stabilitätsfixierten Deutschland traut sich niemand mehr von „Volksparteien“ zu reden. Wahlerfolge verbuchen zwar zurzeit die Grünen als Protestpartei der Mitte und die AfD als Sammelbecken für reaktionäre Neurosen, doch ist eine Partei im klassischen Sinne nicht nur ein Wahlverein. Auch im Alltag sollte sie ihren Mitgliedern Zugehörigkeitsgefühl, Identifikation, Meinungsbildung und Orientierung vermitteln. Fraglich ist, ob das Angebot noch gewährleistet werden kann, ja ob es überhaupt eine Nachfrage dafür gibt.</p>
<p>Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Am Offensichtlichsten ist die inhaltliche Angleichung von ehemals gegnerischen Doktrinen. Seitdem Sozialdemokraten zum Wirtschaftsliberalismus und Christdemokraten zum Kulturliberalismus konvertiert sind, fehlt es beiden in der Tat an Profilschärfe. Aufgrund der Auffassung, Wahlen lassen sich in der Mitte gewinnen, sind alle regierungswillige Parteien in die Richtung jenes imaginären Punkts geglitten, wo Gegensätze durch den statistischen Durchschnitt neutralisiert werden. Nur wurde die Entpolarisierung in den Parteizentralen entschieden. Die Basis ihrerseits hängt an den Grundsätzen fest, die jeweils ihr Engagement motiviert hatten, hießen diese auch soziale Gerechtigkeit, traditionelle Familienwerte, Frieden oder Chancengleichheit. Schwer vermittelbar und gar fatal ist die Botschaft, solche Werte seien mit Realpolitik, Globalisierung und Sittenwandel unvereinbar, ja obsolet geworden. Wer durch sein Engagement keine Karrierevorteile anstrebt, ist dann versucht, sich fern zu halten. Zudem hat die Entschärfung von Lagerbildungen den Bürgern eine mächtige Motivation genommen, politisch aktiv zu sein, nämlich die Abwehr gegen den Feind. Zwar hat in vielen Ländern die rechtspopulistische Gefahr eine solche Gegenmobilisierung wieder reaktiviert, umso mehr trägt diese schließlich doch zur gesteigerten Vereinheitlichung von linken, liberalen und konservativen Kräften bei. Gegen die rechte Minderheit und ihren Anspruch, „das Volk“ zu sein, stellen Massenzusammenkünfte zwar unter Beweis, dass sie die tatsächliche Mehrheit sind, doch kann Einstimmigkeit nur erzielt werden, indem alle zwischenparteilichen Differenzen beiseitegeschoben werden.</p>
<p>Voraussichtlich werden die meisten Parteien weiter an Bedeutung verlieren. Der Mitgliederschwund hat erst begonnen. Noch aktiv sind vorwiegend ältere Menschen, die in ihrer Jugend beigetreten waren und aus Tradition oder Nostalgie weitermachen. Biologisch bedingt wird dieser Vorrat bald versiegen, und die Ablösung fällt dürftig aus. Allerdings gründet die neue Generation keine neue Partei, von Eintagsfliegen wie den Piraten abgesehen. Wobei wir bei dem grundliegenden Problem wären, nämlich die Antiquiertheit <i>der Parteiform</i> als solche. Für Parteiaktivität sind gewisse persönliche Dispositionen vonnöten, die Verbundenheit zu einem Ort etwa, die Bereitschaft, Zeit zu investieren oder die Selbstverpflichtung zur kontinuierlichen, langfristigen Teilnahme. Mit dem Zuwachs an Mobilitätszwang, Zeitknappheit und Patchwork-Lebensweise sind solche Bedingungen schwer zu gewährleisten. Aus diesem Grund erleben übrigens auch Kirchen, Gewerkschaften und sonstige Vereine einen ähnlich dramatischen Rückgang. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung eine andere Art von Öffentlichkeit hervorgebracht hat, schneller, kurzlebiger, auf spezifische, punktuelle Anliegen gerichtet. Es lässt sich doch einfacher eine Online-Petition anklicken, als in einem unbequemen Lokal einer Versammlung mit sich endlos wiederholenden Redebeiträgen beiwohnen. Überhaupt hat sich die herkömmliche Sphäre des Politischen in viele Teilbereiche zersplittert (Wohn-, Umwelt-, Gender-, Religions-, Rassismus-, Bildungsfrage usw.) und immer öfter wird in Zweifel gezogen, ob es wünschenswert und gar möglich wäre, all diese Aspekte unter einem Dachverband zu subsumieren.</p>
<p>Die organisatorische Form, welche die Partei zunehmend zu ersetzen scheint, ist die selbsternannte <i>Bewegung</i>. Bereits das Wort suggeriert einen Bruch mit der statischen, schwerfälligen Gestalt des herkömmlichen Verbands. „Cinque Stelle“ in Italien, „Podemos“ in Spanien, „En Marche“ und „La France Insoumise“ in Frankreich, „DiEM 25“ in ganz Europa, seit kurzem „Aufstehen“ in Deutschland: Die ideologische Ausrichtung mag ganz verschieden sein (wobei meistens eine Überwindung des Rechts/Links-Gegensatzes behauptet wird). Doch weisen diese neuen Zusammenschlüsse gemeinsame Züge auf, allen voran, dass sie die politische Landschaft überraschend schnell und effektiv aufmischen können. Das war besonders in Frankreich der Fall: Kaum hatte Emmanuel Macron seine Bewegung verkündigt, zerbröselten die etablierten Parteien wie ein von Termiten zerfressenes Holzgebälk. Offenbar hatten Parteifunktionäre jeder Couleur nur auf den Moment gewartet, da sie sich endlich von nicht mehr geglaubten Diskursen und überkommenen Verpflichtungen befreien würden. Den Bürgern ihrerseits, die sich von der Politik abgewandt hatten, wurde die Möglichkeit in Aussicht gestellt, basisdemokratisch mitzubestimmen.</p>
<p>Organisatorisch finden diese Bewegungen vorwiegend im virtuellen Raum statt. Je nach eigenen Präferenzen können sich alle Bürger online anmelden, dort Informationen erhalten, sich austauschen, Vorschläge machen und abstimmen. Selbstverständlich finden auch physische Treffen statt, doch Willensbildung und Entscheidungsfindung vollziehen sich im Wesentlichen digital. Die Software sorgt dafür, dass Politik sich so bequem und unverbindlich betätigen lässt wie sonstige soziale Netzwerke und Online-Aktivitäten. In der Tat sprechen einige Argumente für das Modell. Jeder kennt aus seinem Freundeskreis Menschen, die sich aus biografischen Gründen jeweils einer Partei verpflichtet fühlen, dennoch schnell übereinkämen, sobald es um konkrete Forderungen ginge – mehr Investitionen in Infrastrukturen und Schulwesen etwa, verstärkte Kontrolle von Waffenexporten, ein Pestizid-Verbot oder Steuererhöhungen für Spitzenverdienende. Würde eine transparteiische Bewegung solche Forderungen erheben, bliebe sie von Loyalitätsdilemmata verschont. Auf diese Weise hätten vielleicht spezifische Maßnahmen mehr Chancen, umgesetzt zu werden, als auf dem prozeduralen Leidensweg durch die Parteiinstanzen und anschließenden Koalitionsverhandlungen. Das wäre die institutionelle Anerkennung der Tatsache, dass gesellschaftliche Veränderung in der Regel von unten kommt und nicht dekretiert wird.</p>
<p>Und doch ist die bisherige Erfahrung mit neuartigen Bewegungen ziemlich enttäuschend. Allen voran Macrons „En Marche“, die sich ganz schnell als fauler Trick entpuppte, ein Rettungsversuch der etablierten Parteien, deren Zustimmungswerte einen historischen Tiefpunkt erreicht hatten. In der französischen Nationalversammlung sitzen zwar heute weniger professionelle Politiker, dafür mehr Millionäre als je zuvor. Jene Politik, die wachsende Verdrossenheit verursacht hatte, wird unverändert fortgesetzt. Von diesem Sonderfall abgesehen zeigt die bisherige Erfahrung, dass das horizontal-demokratische Verfahren manch einer Bewegung des neuen Typs so trügerisch sein kann, wie der „demokratische Zentralismus“ der kommunistischen Parteien von einst. Zwar mögen unter der labilen Anhängerschaft viele unkonventionelle und gar vernunftgeleitete Vorschläge ausgetauscht werden, doch seltsamerweise setzen sich am Ende immer die Ansichten der führenden Köpfe durch. Das hängt damit zusammen, dass in unserem angeblich „postheroischen“ Zeitalter die charismatische Figur des Leaders unvermindert vorherrscht, zumal er den Vorteil einer stetigen medialen Präsenz genießt. Eine weitere Beschränkung von online organisierten Netzwerken ist, dass sie ein sozial ziemlich homogenes Milieu erreichen, meistens gut ausgebildete Menschen mit vorhandener politischer Erfahrung. Auch in diesem Hinblick ist noch kein richtiger Ersatz für die alte Parteiarbeit gefunden worden, die vielen polierten Türklinken eingeschlossen.</p>
<p>Trotz &#8211; oder vielleicht wegen &#8211; der Schwächung von vermittelnden Körperschaften wie Parteien, NGOs oder eingetragenen Bewegungen nimmt das politische Engagement tendenziell zu, in Form von sporadischen Aktionen die über soziale Netzwerke viele Menschen sehr schnell mobilisieren. Aktuelle Beispiele sind die Demonstrationen am Hambacher Forst oder in Frankreich die Straßenblockaden der „gelben Warnwesten“ gegen hohe Spritpreise.  Ob solche Ausbrüche die Vorboten einer neuen Organisationsform sind, steht noch in den Sternen.</p>
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		<title>Aufruf zur Gründung einer neuen Volksbühnenbewegung</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2016 18:58:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guillaume Paoli</dc:creator>
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