Monats-Archiv: Juli 2016

Apropos Nizza

Über Mohamed Lahouaiej Bouhlel, den Massenmörder von Nizza, ist wenig bekannt. Er scheint ein ganz unscheinbares Arschloch gewesen zu sein. Der 31jährige Tunesier war verheiratet, hatte drei Kinder, prügelte oft seine Frau, von der er sich vor zwei Jahren trennte. Seitdem wohnte er allein. Seine Nachbarn erzählen Journalisten, was Nachbarn halt zu erzählen haben. Er war „immer gepflegt“, „ein Alleingänger“, „hat nie gegrüßt“. Der Vater sagt, der Sohn sei psychisch Krank gewesen, habe unter Depression gelitten und Psychopharmaka genommen. Oft habe er alles um sich herum demoliert.

Lahouaiej Bouhlel war Kurierfahrer. Er lieferte Pakete auf Europaletten in der Umgebung von Nizza. Ein Kollege von ihm erzählt: „In diesem Job bist du einsam, da grübelst du viel. Entweder ordnest du deine Gedanken, oder lässt sie verrücken. Je nach Persönlichkeit kann man leicht paranoid werden“. Probleme mit der Justiz bekam er, als er sich während der Arbeit mit einem Autofahrer prügelte. Vor zwei Monaten verlor er seinen Job, weil er am Steuer eingeschlafen war und zwei Autos gerammt hatte.

Irgendwie erinnert der Fall an Andreas Lubitz, den Germanwings-Suizidpiloten. Zwei vollkommen gescheiterte Existenzen, die ihr Arbeitswerkzeug in eine Massenvernichtungswaffe verwandeln. Wie Lubitz soll auch Lahouaiej Bouhlel einmal während eines Kneipenstreits gerufen haben: „Eines Tages werdet ihr von mir hören!“ Aber Moment mal. Lubitz war doch kein Terrorist. Er war ja Biodeutscher. Kein Politiker und kein Journalist hat seine Tat als Anschlag gegen unsere Werte, die Demokratie und die westliche Welt gedeutet. Hingegen war Lahouaiej Bouhlel ein Araber, das macht sofort einen Unterschied. Unmittelbar nach dem Massaker wusste schon Premierminister Valls: „Ohne Zweifel war er ein Terrorist mit Verbindungen zum radikalen Islamismus.“ Daraufhin erklärten alle Medien der Welt, dass Tag und Art des Attentats vom „Islamischen Staat“ gezielt ausgewählt worden seien. Nachdem ihm wieder einmal so viel Werbung gemacht wurde, bekannte sich schließlich der IS zum Anschlag.

Nur passt die Erklärung überhaupt nicht zu dem, was man über Lahouaiej Bouhlel weiß. Er trank Alkohol und zwar nicht wenig. Aß Schweinefleisch. Betete nicht. Wurde nie in einer Moschee gesichtet. Sein Anwalt, der noch im letzten März mit ihm sprach, bestätigt, dass er keinerlei Anzeichen von Islamismus zeigte. Selbst Geheimdienstler sagen, dass sein Profil sich mit dem üblichen Terrorraster nicht deckt. Die französischen Behörden haben ein Problem. Einerseits müssen sie erklären, wieso das Blutbad trotz extremer Antiterrormaßnahmen nicht vermieden werden konnte, andererseits wollen sie keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass es sich doch um islamistisch motivierten Terrorismus handelt. Der Innenminister fand die passende Erklärung: Der Mann soll sich „ganz schnell radikalisiert“ haben. Vielleicht in einem 2tägigen Crashkurs. Weiterlesen…