Wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird

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Gegenwärtig wird in Frankreich nicht nur der Aufstand geprobt, auch wird mit einer neuen Art der Aufstandsbekämpfung experimentiert. Um die jetzige Situation zu begreifen, muss man auf den Notstand zurückkommen, der seit den Novemberanschlägen herrscht und neuerdings bis ende Juli verlängert wurde, offiziell um die Fußball-EM zu schützen. Zwei Faktoren verbinden diese Ausnahmesituation mit der laufenden Bewegung. Erstens hatten Valls und Hollande im Januar ihr Arbeitsgesetz als Teil eines „wirtschaftlichen Notstands“ erklärt, welcher den Antiterror-Notstand ergänzen sollte. Offensichtlich ging es hier um einen typischen Fall der „Schock-Strategie“ wie sie Naomi Klein beschrieben hat. Das Blutbad kam wie gelegen, um unbeliebte neoliberale Maßnahmen durchzusetzen. Die Sozialdemokraten rechneten damit, dass die traumatisierte Bevölkerung auf Proteste verzichten würde. Weit gefehlt, wie man weiß! Jetzt spotten die bürgerliche wie die rechtsextreme Opposition darüber, dass noch nie so viel demonstriert wurde, seitdem der Notstand verhängt wurde (und Frau Le Pen denkt bloß die Logik der Sozialdemokraten zu Ende, wenn sie ein generelles Demonstrationsverbot verlangt).

Hingegen ist der zweite Faktor schrecklich effektiv: Es sind die neuen repressiven Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung, die sich der Staat unter diesem Vorwand erlauben kann. Vom Anfang an hatte der Innenminister Cazeneuve die EU informiert, dass Frankreich gewisse Bürgerrechte temporär ausschalten werde. Das Versprechen wurde gehalten. In der Praxis gibt der Ausnahmezustand den Sicherheitskräften außerordentliche Ermessensspielräume zulasten der richterlichen Gewalt. So kann ein jeder aufgrund sogenannter „blanken Notizen“ festgenommen oder unter Hausarrest gestellt werden. Blanke Notizen müssen keinerlei Begründung enthalten. Sie werden von Nachrichtendiensten oder der politischen Polizeiabteilung „Renseignements Généraux“ aufbereitet und vom Innenministerium ausgestellt. Da haben weder Untersuchungsrichter noch Rechtsanwälte das Sagen. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass solche Methoden zu keiner Aufdeckung islamistischer Terrornetzwerke geführt haben. Hingegen wurden sie bereits ende November angewendet, um während der zehntägigen Klimakonferenz COP 21 (ob hier das „cop“ humoristisch gemeint war?) Öko-Aktivisten zu Hause festzuhalten. Das war nur ein Vorspiel.

In den letzten Wochen bekamen dutzende von Menschen einen Hausbesuch von Polizisten, die ihnen das Verbot übermittelten, an irgendwelcher Demonstration teilzunehmen, solange der Notstand gilt. Einzige Begründung war, dass sie als Teilnehmer vergangener Demonstrationen identifiziert worden waren, am Rand deren Ausschreitungen statt gefunden hatten (das heisst: so gut wie jeder Demo). Einige erhoben Einspruch (darunter ein Pressefotograf), und in neun unter zehn Fällen erklärten Pariser Richter das Verbot für unrechtmäßig. Offenbar fühlte sich das Judikative gekränkt; ein Konflikt mit dem Exekutiven bahnte sich an. Dann kam der Zwischenfall am 18. Mai. Mehr lesen…

Die französische Politik in schlechter Verfassung

„Sieben von zehn Franzosen haben sich in Umfragen gegen das Arbeitsgesetz ausgesprochen. Ein großer Teil der Gewerkschaften rebelliert ebenso wie viele junge Menschen auf der Straße. Mehr als 150 Polizisten sind seit Beginn der Demonstrationen verletzt worden. (…) Ja, Frankreich ist schwer zu reformieren, umso mehr muss sich eine Regierung von inneren Widersprüchen befreien.“ (FAZ)

 

Effekt eines Hartgummigeschosses der Polizei auf der Brust einer Studentin

Effekt eines Hartgummigeschosses der Polizei auf der Brust einer Studentin

 

„Nachdem sich das Thema Arbeitsmarktreform nun im Parlament erledigt hat, verlagert sich der Protest ganz auf die Straße. Zwischen Rouen und Le Havre haben Demonstranten am Donnerstag eine Autobahnbrücke blockiert. In Rennes errichteten sie Barrikaden vor dem städtischen Busdepot, in Nantes auf der Umgehungsstraße, in Paris machten Reformgegner ihrem Unmut nach einer von gewaltsamen Ausschreitungen überschatteten Kundgebung am Nachmittag vor der Nationalversammlung Luft. Für den 17. und 19. Mai haben Gewerkschaftsverbände zu landesweiten Streiks und Protesten aufgerufen.“ (Frankfurter Rundschau)

 

Nuit Debout vor dem Parlament.

Nuit Debout vor dem Parlament.

 

„Frankreich wird zum Pulverfass. Die V. Französische Republik scheint tatsächlich ihr Ende zu erreichen, eine Modernisierung des völlig verkrusteten Politiksystems scheint unumgänglich. Die Hauptfrage lautet: Wie werden die Umbrüche stattfinden? Gewaltsam? Durch eine Revolution? Im Konsens und Dialog? Durch Wahlen?“ (Eurojournalist)

 

Paris, 12.5.2016

Paris, 12.5.2016

 

„Die Lage könnte rasch in ganz Frankreich explosiv werden. Denn für die kommenden Woche sind in vielen Sektoren Streiks und überall im Land Kundgebungen angesagt. Dies dürfte namentlich den Verkehr schwer behindern. Die Lastwagenfahrer drohen mit Blockaden, denn das revidierte Arbeitsrecht bedeutet für sie eine verminderte Entschädigung der Überstunden und laut Gewerkschaftsangaben eine Einkommenseinbusse von rund hundert Euro pro Monat. Es wäre nicht das erste Mal, dass solche Aktionen der Lastwagenfahrer zusammen mit Streiks bei der Bahn und im Stadtverkehr in Frankreich eine Regierung zum Einlenken oder sogar zum nachträglichen Verzicht auf ein verabschiedetes Gesetz zwingen würde.“ (taz)

 

Nantes, 12.5.2016

Nantes, 12.5.2016

 

“Unsere Regierung hat uns heute gezwungen, ein Gesetz zu akzeptieren, das wir nicht wollen”, sagt Axel. Er hat große braune Augen, seine langen dunklen Haare hat er zum Dutt hochgebunden. Und er hat etwas zu sagen. “Das ist keine Demokratie. Dagegen müssen wir kämpfen. Wenn die Regierung so etwas tut, haben wir die Verpflichtung, uns dagegen zu wehren.” (Die Zeit)

 

Die Vorhut der Modernisierung. Paris, 12.Mai 2016.

Die Vorhut der Modernisierung. Paris, 12.Mai 2016.

 

Willkommen zur Flashball-EM!

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Ein wichtiger Grund für das überstürzte Bestreben der französischen Regierung, mit Repression und Ausschaltung des Parlaments den andauernden Protest loszuwerden, sollte nicht außer Acht gelassen werden: Am 10. Juni fängt die Fussball-EM an. Damit dieses für Wirtschaft und Prestige belangvolles Event störungsfrei verläuft, wurde der Ausnahmezustand bis dahin verlängert.

Da am 13. November die Pariser Attentäter ein Blutbad im Stade de France anrichten wollten, ist die Befürchtung nicht unbegründet, andere Dschihadisten könnten es erneut versuchen. Daher war von vornherein klar, dass die EM unter maximalem crowd control statt finden würde. Jetzt steht aber die Sorge um andersartige Störungen im Vordergrund. Die Spiele werden in Paris, Lille, Bordeaux, Toulouse, Marseille, Nizza, St Etienne und Lyon ausgetragen. In all diesen Städten finden Nuit-Debout-Kundgebungen statt, in manchen ist die Militanz besonders hoch. Häufig werfen die Medien den Platzbesetzern vor, sie eignen sich öffentliche Räume für ihre private Belange an – ein lächerliches Argument, wenn man sieht, wie „öffentliche“ Räume der Warenherrschaft unterworfen sind. Der Skandal ist eben, dass die Besetzer miteinander reden, anstatt wie Schlafwandler einzukaufen. Sie geben sich nicht mit dem Ritual des Protests zufrieden (zwei Stunden demonstrieren, dann geht jeder nachhause), sondern nehmen sich das Öffentliche zurück.

Nun muss Platz frei gemacht werden, damit Fanmeilen eingerichtet werden. Platz frei für passive, atomisierte Massen, deren einzige Gemeinsamkeit das Zuschauen eines durchökonomisierten Spiels ist. Dort soll das realexistierende Europa wie es sich gebührt gefeiert werden, ein Europa des großen Geldes und der kleinen Bestechungen, ein Europa der Ohnmacht und der Überwachung. Und am Ende gewinnt Deutschland. Die Fanmeile ist das exakte Gegenteil der Nuit Debout. Eine Koexistenz ist ausgeschlossen. Nicht ohne Grund fürchtet die Staatsgewalt, dass das schöne Fest von Störenfrieden sabotiert werden könnte. Die internationale Aufmerksamkeit auf die EM wäre eine wunderbare Gelegenheit, die Gründe des Zorns bekannt zu machen und die Nachrichtensperre zu brechen, die u.a. in Deutschland herrscht. Das soll mit allen Mitteln verhindert werden. Mehr lesen…

Frankreich-Chronik, 1. April – 10. Mai 2016

Ich war in Deutschland fast der einzige, der Nachrichten über die Proteste gegen das Arbeitsgesetz und die Nuit-Debout-Bewegung in Echtzeit veröffentlichte. Darauf bin ich nicht stolz, viel mehr wütend über die Nachrichtensperre der Medien. Da ich die Meldungen über Facebook verbreitete, ein flüchtiges Medium,  sind hier einige wiedergegeben.

23. März.

Wie zahlreiche Gymnasien wird  das Pariser Lycée Bergson von protestierenden Schülern besetzt. Dieses Vidéo verbreitet sich viral übers Netz. Es zeigt, wie brutal Polizisten gegen die Jugend vorgehen und wird für Empörung und Gegenwehr sorgen.

1. April.

Paris gestern. In ganz Frankreich haben hunderttausende Arbeiter, Studenten und Schüler gegen die Pläne der sozialdemokratischen Regierung demonstriert, eine Art Agenda 2010 à la française durchzuboxen. In den letzten Wochen wurden insbesondere die streikenden Gymnasiasten einer selbst für Frankreich ungewöhnlichen Polizeibrutalität ausgesetzt. Wie man sieht, haben sie schnell gelernt, sich zu wehren. Endlich erhält das Wort “Radikalisierung” seine richtige Bedeutung wieder. Der Frühling könnte heiss werden.

https://www.youtube.com/watch?v=-DQIPCPbWYg&app=desktop

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Die Nuit Debout und ihr Double

Ach, wie schön ist gelebte Demokratie! Auf einem Platz kommunizieren Tausende, nicht über Facebook, sondern face to face, ohne Hierarchie, doch durchweg organisiert. Lückenlos reihen sich die Redebeiträge aneinander. Drei Minuten für die Antispezisten. Drei Minuten gegen das Finanzkapital. Drei Minuten für LGBT. Drei Minuten gegen Postkolonialismus. Drei Minuten für die Weltrevolution. Stundenlang. Tagelang. Aus der Zuhörerschaft kommt kein Applaus, kein Zwischenruf, kein Lacher. Statt dessen zeigen die disziplinierten Zuhörer ihre Zustimmung oder Ablehnung mit Händchenzeichen. Sie liken analog, sozusagen. Es gibt gar Signale um zu zeigen, dass der Beitrag zu lang ist oder dass die Bemerkung gerade sexistisch war. Das Prozedere stammt aus den USA und heisst „twinkle“, was unwillkürlich an das Kindergartenlied „Twinkle, twinkle little star“ erinnert. Tatsächlich hat die Besetzung das Zeug zum selbstverwalteten Freizeitpark. Dazu dürfen Meditationsworkshops nicht fehlen, ebenso wie Trommelgruppen, Malerei, Tanzzirkel und die obligatorischen Nerds, die das ganze per Livestream in die Welt schleudern. Auf diese Weise wird, so eine Aktivistin aus Deutschland, eine neue Art des Zusammenlebens erschaffen, voller Zuneigung, Fürsorge und Liebe. Das echte Leben im falschen.

Da es um das Hier und Jetzt geht, werden keine Forderungen gestellt. So wird keiner enttäuscht sein, wenn eines Morgens auf dem geräumten Platz der hinterlassene Müll von der Stadtreinigung beseitigt wird, dafür die soziale Misere unvermindert bleibt. Wer will überhaupt über eine Perspektive nachdenken? Von der Vielfalt der Wortmeldungen berauscht, übersehen die Teilnehmer leicht, wie sozial homogen sie eigentlich sind, nämlich in der überwiegenden Mehrzahl: weiße Stadtzentrumbewohner aus der Mittelschicht, Studenten, Akademiker, Kulturschaffende. Wer hätte sonst die Zeit, Abend für Abend endlos zu palavern? Wer hätte überhaupt die Lust?

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Verteidigung ist die beste Anklage

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Vom 4. bis zum 9. Mai werde ich die Ehre haben, im Kapitalismustribunal zu Wien für den Kapitalismus zu plädieren. Hier folgt meine  Verteidigungsstrategie.

Gewissermaßen ist jeder Prozess ein Schauprozess. Einer Gerichtsverhandlung ist viel Theatralisches eigen, die Disposition des Saales etwa, die Roben und Perücken, die Effekthascherei, die Dramaturgie der Entscheidungsfindung. Der Staatsanwalt besetzt die Staat-Rolle, die Geschworenen die Volk-Rolle, der Richter die Justiz-Rolle. Alles funktioniert im Als-ob-Modus. Verhandelt wird, als ob aus der Gegenüberstellung von belastenden und entlastenden Aussagen so etwas wie „die Wahrheit“ zutage treten könnte. Verurteilt wird, als ob die Strafzumessung „der Gerechtigkeit“ entspräche. Es waren im antiken Griechenland die Sophisten, die die prozessuale Rhetorik der Plädoyers und Anklagereden entwickelten. Sie ließen sich dafür teuer bezahlen. Damals bereits neigte die Waage der Justiz dazu, in Richtung des schwereren Geldes auszuschlagen. Gerade als Reaktion gegen die Sophisten war die Philosophie entstanden, gegen die Vorstellung, dass die Wahrheit nach Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Doch nach wie vor verbindet das Theater mit der Justiz (sowie mit der Politik) der Umstand, dass innerhalb dieser Sphären die Trennung zwischen Wirklichkeit und Darstellung nicht aufrecht erhalten werden kann.

Vordergründig wird das schauspielerische Element, wenn ein Gericht über die Gewalt nicht verfügt, eine Strafe zu verhängen oder ein Urteil vollziehen zu lassen. Musterbeispiel dafür war das Vietnam War Crimes Tribunal, das 1967 von dem Philosophen Bertrand Russell aufgerufen wurde. Das Russell-Tribunal war eine öffentlichkeitswirksame Inszenierung. Sie entsprach dem damals üblichen Selbstverständnis des engagierten Intellektuellen als öffentlicher Ankläger – J’accuse! Der Ausgang war vorbestimmt, eine kontradiktorische Vernehmung fand nicht statt, kein Inkriminierter hielt es für nötig, einen Verteidiger hinzuschicken. Dabei ermöglichte der fiktive Rahmen eine Aufdeckung des Realen: die präzise, sachkundige Beweisaufnahme für Kriegsverbrechen der US-Armee in Vietnam. Das Tribunal, darin bestand seine skandalöse Schlagkraft, war ein umgekehrtes Reenactment der Nürnberger Prozesse, indem die Ankläger von damals jetzt auf der (imaginären) Anklagebank saßen und die von ihnen erstellten Straftatbestände selber zu verantworten hatten: Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gar Genozid. Den späteren Russell-Tribunals (über Menschenrechtsverletzungen in Südamerika, Südafrika, Palästina, der BRD) fehlte diese symbolische Brisanz, daher verblassten sie zu folgenlosen Politevents.

Wie steht es jetzt um das „Kapitalismus-Tribunal“? Natürlich haben wir es ebenfalls mit einem symbolischen Verfahren zu tun. Das Theatralische wird gar bewusst in Anspruch genommen. Hier auch geht es darum, mittels des Gespielten an das Ernsthafte, mittels der Fiktion an das Reale zu kommen. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zum Russell-Tribunal. Damals waren die Angeklagten klar definiert: das Weisse Haus und das Pentagon. Und der Gegenstand des Prozesses war eindeutig eingerahmt, es ging um Kriegsverbrechen, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort begangen worden waren. Anders im Kapitalismus-Tribunal. Um es ohne Umschweife zu sagen: Wir werden hier mit einer logischen Inkonsistenz konfrontiert. Einerseits wird die Frage gestellt, ob „der Kapitalismus ein Verbrechen“ sei, andererseits wird versucht, die „Schuld des Kapitalismus“ zu bestimmen. Das heisst, dass Prozessgegenstand und Angeklagter, Tat und Täter identisch sind! Wir werden ersucht, die schwierige Frage zu lösen, ob der Kapitalismus am Kapitalismus schuld ist. Eine Tautologie, gewiss, aber das ist nicht weiter schlimm. Die Ob-Frage ist eine rein rhetorische. Ein Freispruch wird von niemandem erwartet, ohnehin steckt bereits ein Urteil drin, wenn man das K-Wort und nicht „freie Marktwirtschaft“ sagt. Wichtig ist nicht das Ob sondern das Wie, nicht die Urteilsverkündung sondern der Weg dahin. Mehr lesen…

Die Wegkuratierung des Widerspenstigen

Viele werden mir vorhalten, mein Beitrag sei subjektiv, persönlich und minoritär. Na und?“ (Pasolini)

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Einmal machte der französische Hofintellektuelle Jacques Attali eine interessante Bemerkung: Im Grunde, sagte er, ist heute jeder Standort, ob Land oder Stadt, nichts anderes als ein Hotel. In dieser Hinsicht ist es zwar wichtig, dass die Eingesessenen angemessen bezahlt werden und annehmbare Arbeitsbedingungen bekommen. Wichtiger ist aber, dass das Personal Eines begreift: Es ist nur da, um internationale Gäste zu empfangen und zu bedienen, jene globale Klasse, die für Forschung, Innovation und Wertschöpfung sorgt. Lässt der Service zu wünschen übrig, dann ziehen die Gäste in ein anderes Hotel und der Standort verkommt. Von diesem Modell verspricht sich Attali viele Vorteile und gar die Ankunft des ewigen Friedens: „Man kann sein Leben für ein Territorium, eine Kultur oder für Werte opfern; aber wer wäre schon bereit, für ein Hotel zu sterben?“

Daran musste ich denken, als Chris Dercon, der designierte Intendant der Volksbühne, im Interview erklärte: Berlin ist heute eine kosmopolitische Stadt. Hier leben viele hochgebildete junge Leute aus der ganzen Welt und sie können kein Deutsch. Da haben wir doch ein Problem mit dem deutschsprachigen Theater. Es wäre ja ungastlich, wenn nicht arrogant, auf einem Repertoire zu beharren, das die neuen Wahlberliner nicht verstehen. Für sie soll sich also die Volksbühne nicht-verbalen Kunstformen wie Tanz oder Performance öffnen. Zudem arbeite der Kurator an „einer neuen Art von Sprache“, ein Volksbühnen-Volapük, das er “Wortensembles” nennt. Die Bemerkung ließ Dercon unter vielen ähnlich gekünstelten Phrasen fallen; freilich kann man sie als Teil des obligaten Bewerbungsquatschs ignorieren. Doch ist sie als Symptom interessant. Hier haben wir es nicht bloß mit einem weiteren Intendantenwechsel in einem der vielen Häuser der Republik zu tun. Im Grunde geht es um die Art, Stadt zu besehen und neu zu definieren. Oder etwas pathetisch formuliert: um die Neutralisierung des Politischen. Darum dürften da selbst Menschen aufhorchen, die mit Theater nichts am Hut haben.

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Gesicht verbergen

Staffs Wear No-Face Masks To Reduce Pressure During Working Time In Handan

Im klassischen chinesischen (wie griechischen) Theater trugen die Schauspieler eine Maske, die ihre Rolle verdeutlichte. So konnten die Zuschauer identifizieren, wer der Choleriker, der Verliebte, der Eifersüchtige war. Sie interessierte das „Innere-Ich“ des Darstellers nicht. Dieser Tradition entnahm Karl Marx den Begriff der „Charaktermaske“. Damit meinte er: Sobald wir in ökonomischen Verhältnissen stehen, tragen wir eine Larve – man spricht ja häufig von „Funktionsträgern“- die unsere subjektiven Regungen verbirgt.
Daran werden die Manager in der chinesischen Stadt Handan gedacht haben, als sie kürzlich den Dienstag zum „gesichtslosen Tag“ erklärten. Die Angestellten werden aufgefordert, am Arbeitsplatz schwarz-weisse Masken zu tragen, die einem japanischen Film mit dem passenden Titel „Spirited away“ entliehen sind. Einmal in der Woche müssen sie nicht verkrampft Kunden und Chefs anlächeln, die Masken lächeln für sie. Sie können Ausdrücke von Müdigkeit und schlechter Laune zulassen, ohne die Angst, ihr Gesicht zu verlieren.
Die seltsame Maßnahme ist alles andere als eine PR-Spielerei. Es geht darum, eine Plage zu bekämpfen, die laut chinesischem Rundfunk Tag für Tag 1600 Sterbefälle verursacht: Guolaosi, den Tod durch Überarbeitung. Menschen, die bisher kerngesund waren, sterben infolge von Stress und Überstunden an Erschöpfung, Blutungen oder Herzversagen. Bis vor kurzem wurden sie gut stalinistisch als Helden der Arbeit gepriesen, die sich „für Volk und Partei“ selbstlos geopfert hatten. Nun hat das Ausmaß der Epidemie wirtschaftliche Konsequenzen. Vor allem haben die Betroffenen angefangen, gegen die tödlichen Arbeitsverhältnisse mit Streiks und der Gründung inoffizieller Gewerkschaften zu reagieren. Das Maskenexperiment soll die gefährliche Lage entspannen.
Es bleibt zu erwarten, ob die Strategie nicht in ihr Gegenteil umschlagen wird. Denkbar wäre, dass die Beschäftigte mehr Mut bekämen, durch ihre Masken ihr Anliegen offen auszusprechen. Schließlich meinte Oscar Wilde: „Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen.“

 

Alles für die Katz

Again comes the rising of the sun

Another day when we’ve begun
The unfinished chores of yesterday

„Merken Sie sich: Das, was uns als überlegene Wesen der Schöpfung kennzeichnet, ist unsere Fähigkeit, drei Schritte rückwärts zu machen, um Schwung zu holen und ein Hindernis zu überspringen.“ So dozierte vor hundertzwanzig Jahren ein bärtiger, zwickertragender Professor vor einem begeisterten Auditorium. „Diese Fähigkeit heisst Zweckrationalität. Sie lässt sich am Besten mit dem Umweg der Produktion veranschaulichen. Ein Naturvolk, das sich von der Hand in den Mund ernährt, wird von Knappheit und Unsicherheit geprägt und geplagt. Wir Zivilisierte haben diesen Zustand überwunden, indem wir einen Umweg zu machen wissen. Es wird gepflügt, gesät und geerntet, das heißt: Die Befriedigung wird temporär verschoben, um in einem größeren Ausmaß gesichert zu werden.“ Dieser Rede zollte das Publikum heftigen Beifall. Alle waren für die weltliche, rationale und fortschrittsoptimistische Erklärung dankbar. Nein, die Arbeit war kein Fluch, sondern ein Segen, keine göttliche Strafe, sondern selbsterrungene Nobilitierung. In ihrem Enthusiasmus merkten sie nicht, wie anachronistisch das Argument eigentlich war. Wie Bauern sahen sie nicht aus, die vornehmen Zuhörer. Ihr Geschlecht hatte sich längst von der Scholle emanzipiert, sie waren alle Geschäftsleute, Ingenieure, Notare. Ohnehin waren im Lande immer weniger Menschen mit der Nahrungsmittelgewinnung beschäftigt. Und doch wähnten sich alle in jener imaginären Agrarwelt, wo man ackern muss, um sein Brot zu verdienen.

We set about to find our way
We always finish and begin
We go through life until the end

„Mein Sohn, du wirst von mir ein schönes Vermögen erben“, sagte der sterbende Finanzier. „Dafür musst du wissen, was dein Vermögen vermag. Vermehrst du es nicht, dann verlierst du es. Damit es sich vermehrt, muss aber dein Geld einen Umweg machen. Es muss sich in Waren umwandeln, die sich wiederum in mehr Geld, und in mehr Waren, und in noch mehr Geld umwandeln, in einer endlosen Metamorphose, einer sich beschleunigenden Spirale, einem Wachstumszyklon, der alles, Mensch und Tier, Wasser und Luft, Himmel und Erde, Wirklichkeit und Traum, Geschlecht und Charakter, Ornament und Verbrechen mitreißen wird. Die Warenwelt ist die wahre Welt. Alles andere ist Schein und Trug. Lass die Beschäftigten glauben, sie leisten etwas Nützliches. Rede ihnen ein, dass du wie sie nur deinen Job machst. Sei blind, sei taub, erlass keine Schuld. Denk nur an dich. Du bist allein mit der Gottheit. Du bist der Alchemist, der aus Kot Kapital macht. Du bist der Träger jener ungeheuren Kraft, die keine Rast, keine Sicherheit und vor allem: kein Ende kennt. Fürchte nicht den Tod, dein Geld lebt ewig. Ewig. Ewig. Ewghhhh.“

And here are the things we do
We build it up, and tear it down
We start all over, and make it round

Lässig räkeln sie sich auf dem Sofa und umklammern sich und lecken sich gegenseitig. Sie schlafen einen langen, traumreichen Schlaf. Danach rennen sie raus. Springen nach einem Schmetterling. Klettern auf einen Baum. Gelegentlich fangen sie eine Spitzmaus, das aber nur aus Spiel. Ihr täglicher Essbedarf wartet ja im Napf. Katzen haben ein langes Gedächtnis. Sie wissen, wie es ihren Vorfahren erging. Ständig auf der Suche nach einer hypothetischen Beute. Im Regen und Frost zitternd. Von Feinden bedroht. Abgemagert. Krank. Verkrüppelt. Zum Glück ist die Urzeit längst vergangen. Heute ist ihre Umwelt äußerst freundlich und zuvorkommend. Werden sie krank, kommt der Tierarzt. Wird es kalt, legen sie sich auf den Heizkörper. Die Nahrung ist sicher. Sie haben nichts anderes zu tun als kuscheln, spielen, sich gegenseitig lecken. Sie leben länger und sterben einen sanften Tod. Der Kampf ums Dasein ist vorbei. Stolz sind die Katzen, die Evolution in die eigenen Pfoten genommen zu haben. Sie schnurren: „Wie schön, dass wir die Menschen domestiziert haben!“

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Technik des Terrors, Terror der Technik

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Nein, am Islam allein kann es nicht liegen. Wenn hunderte von jungen Menschen, in Europa geboren und weltlich erzogen, sich plötzlich einer Terrororganisation anschließen und sich zu Mord, Vergewaltigung und Versklavung bekennen, dann ist auch etwas in Europa faul. Man kann die Schuld nicht einem fremden Virus zuschieben. Mitverantwortlich ist zumindest das defiziente Immunsystem. So wünschenswert es wäre, dass Moslems sich mit ihrer Kultur kritisch auseinandersetzen, die aufgeklärten Bürger des Westens werden nicht umhin kommen, vor dem eigenen Haus zu kehren.

Zur Diagnose gehören kulturelle Befunde, auch wenn sie für das Gesamtbild nicht ausreichen: Der Dschihadismus hat es geschafft, Codes und Gesten der Jugendkultur zu pervertieren. Damit wird offensichtlich ein Vakuum besetzt. Denn eine rebellische Gegenkultur gibt es schon lange nicht mehr. Sie hat sich in Trends aufgelöst. Zieht sich ein Mädchen einen Punk-Outfit an, schmunzeln ihre Eltern gerührt. Verwandelt sie sich aber in eine vollverschleierte Fledermaus, ist die Schockwirkung garantiert. Es sind keine Experten nötig, um zu wissen, weshalb ein gelangweilter junger Mann aus seinem Kuhdorf ausreißt. Bloß, vor vierzig Jahren wäre er in einer Hippie-Kommune gelandet; heute taucht er als Geiselschlächter in Syrien wieder auf. Es ist die Jugendrevolte in Zeiten ihrer Unmöglichkeit, die Metamorphose von Lustprinzip in Todestrieb. Mehr lesen…