Immer gerechter zu

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Konversation in einem senegalesischen Dorf:

„Hey, Mamadou, ich habe eine tolle Nachricht: Wir können nach Europa auswandern!“

„Echt? Wieso geht das auf einmal?“

„Wir müssen nur aussagen, dass wir schwul sind und aufgrund dessen hier verfolgt werden.“

„Ich bin aber nicht schwul!“

„Dann musst du es werden.“

„Reicht es nicht, nachzuweisen dass ich hier verhungere, keine Zukunftschancen habe und politisch unterdrückt bin?“

„Nein, das alles interessiert die Tubabs nicht. Da lassen sie dich vor Lampedusa ertrinken. Nur die Schwulen werden reingelassen. Das hat der europäische Gerichtshof gerade entschieden. Ohne Coming-Out kein Coming-In.“ Mehr lesen…

Räuberinseln

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Es gab eine Zeit, als Menschen, die mit den Gesetzen ihres Landes unzufrieden waren und keine Hoffnung hatten, sie zu verändern, staatenlose Erdflecken besiedelten, um dort ihre Utopie zu verwirklichen. Diese Option hat sich schon lange erschöpft. Der ganze Erdball steht unter der Hoheitsgewalt irgendeines Staates. Der ganze? Nein! Offshore kann man sich nationalen Gesetzen entziehen. Das nutzten schon die Piraten-Radios der 60er Jahre, die von internationalen Gewässern aus sendeten und staatliche Rundfunkmonopole umgingen. Auf die Idee sind jetzt neuartige Utopisten gekommen. Sie haben vor, auf künstlichen Inseln Mikronationen zu gründen. Die Baupläne liegen bereits vor, das Geld für die Umsetzung wird emsig gesammelt. In einem ersten Schritt will man die schwimmenden Städte bei „Billigflaggen-Staaten“ wie Panama registrieren lassen, das Ziel sei jedoch die vollständige Souveränitätsanerkennung der UNO.

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zu den früheren Auswanderern auf der Suche nach einem besseren Leben. Diese waren arme Leute, die in ihrem Herkunftsland aus politischen, religiösen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden. Die Neugründer von heute gehören zu den Führungskräften und Aktionären von Facebook, Amazon, Apple und weiteren Potentaten des Silicon Valley. Unlängst erklärte Balaji Srinivasan, Gründer eines Genomik-Unternehmens, die USA seien das „Microsoft der Nationen“ geworden. Es habe keinen Zweck, sie reformieren zu wollen, viel effektiver wäre, dem obsoleten Mammut den Rücken zu kehren, um eine eigene Startup-Nation zu gründen. Deutlicher sprach Google-Gründer Larry Page: „Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind.“ Damit wird klar, welche Art der Befreiung anvisiert ist: die Freiheit von Datenschutz, Arbeitsgesetzen, Tariflöhnen und sonstigen demokratischen Scheußlichkeiten. Das Freibeuterprojekt wird von einem Seasteading institute koordiniert, dessen Leiter der Enkel des neoliberalen Übeltäters Milton Friedman ist. Die neoliberale Utopie hat alle Kontinente verwüstet, nun sucht sie ihre letzte Zuflucht auf hoher See.

 

Absichtserklärung

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Ist der Liberalismus das geworden, was Sartre einst vom Marxismus behauptete: der unüberschreitbare Horizont unserer Zeit? So sieht jedenfalls die hiesige Meinungsvielfalt aus: Endlos debattieren Linksliberale mit Liberal-Bürgerlichen, Kulturliberale mit Wirtschaftsliberalen, mal wird nach mehr Toleranz gerufen, mal nach weniger Steuern, ansonsten gelten die Grundsatzfragen als geklärt. Außerhalb dieses konformen Geländes lauert nur das Böse und Gestrige: Sittenwächter, Fundamentalisten, Populisten, Homophobe und Raucher. Die Furcht davor sorgt für den Zusammenhalt. Man will schon „gegen Rechts“ sein – und verortet sich allein aus diesem Grund „irgendwie links“. Keiner möchte als konservativ auffallen, und billigt deswegen jeden duseligen Hype. Jede erlebte Verschlechterung wird mit dem Argument geduldet: Wir haben es noch gut, im Reich des kleineren Übels. Freilich werden revolutionäre Phrasen immer gern goutiert, doch an eine konkrete Umsetzung glaubt niemand im Ernst. Wer die liberalen Kategorien von Individualität, Konkurrenz und Freiheit anerkennt, sollte es mit Antikapitalismus lieber sein lassen. Der Weg aus dem geistigen Konformismus beginnt mit der Aberkennung der entweder-oder-Linie. Die Freiheit soll von ihrer liberalen Entwendung befreit werden. Die diffuse Unzufriedenheit mit der Welt in ihrem jetzigen Zustand darf nicht reaktionären Rattenfängern überlassen werden. Die Ideen müssen wieder gefährlich werden. Dissidenz wird geprobt.

Im Reich des kleineren Übels ist eine Veranstaltungsreihe, die ich im Roten Salon der Volksbühne organisiere und moderiere. Diese Zeilen weisen auf die programmatische Richtung hin. Der erste Abend, Der coole Klaasenfeind, findet am 7. Okt. um 20.00 Uhr statt.

Das Leben der Wörter

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Um die Liebe ist es schlecht bestellt. Das ist keine subjektive Behauptung von mir, sondern das Ergebnis einer Suche bei Ngram Viewer. Trotz aller Vorwürfe gegen Google, ich muss zugeben, dass diese Funktion wirklich spannend ist. Ngram sucht chronologisch nach der Häufigkeit eines Wortes im Corpus aller Bücher, die in Googlebooks gespeichert sind, Belletristik wie Sachbücher. Wenn man also dort nach der Liebe sucht, stellt man fest, dass diese seit der Hochzeit der Romantik ständig abgenommen hat. Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg schien sich zwar die Liebe zu erholen, doch ging es dann schnell wieder bergab. Der historische Tiefstand der Liebe wurde 1974 erreicht, seitdem stagniert sie kläglich. Im Gegensatz dazu ist Ficken besonders seit den Spätachzigern exponentiell gewachsen, doch dürfte das niemand überraschen. Mehr lesen…

Unberechenbar werden

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Die digitale Öffentlichkeit ist enttäuscht. Es liegt nicht so sehr daran, dass wir von Google und Konsorten ohne unser Wissen ausgewertet, verwertet und weiterverkauft werden, das wäre noch zu verkraften. Auch dass demokratische Staaten uns alle auf eine Weise ausspionieren, wie es keine totalitäre Diktatur jemals getan hat, ist zwar schwer zu schlucken, lässt sich jedoch noch irgendwie wegerklären. Die eigentliche Schmach ist in etwas anderem begründet. Nämlich in der unterschwelligen Feststellung, all unsere Gedanken und Handlungen können deswegen überwacht und manipuliert werden, weil sie komplett berechenbar seien. Das Determinismus-Team hat über die Mannschaft des freien Willens durch ein technisches KO gesiegt. Individuelle Autonomie war bloß ein Mangel an Algorithmen. Nun sind sie da, die Algorithmen, sie werden immer besser, und alleweil flüstern uns ihre Analytiker zu: „Du bist nichts anderes als ein Nullkommaetwas, eine statistische Schnittmenge, ein durchschaubarer Datenhaufen. Du hast das Privileg, in einer freiheitlichen Ordnung zu leben, weil auf dem Schachbrett der Angebote und Präferenzen all deine Züge vorherbestimmt sind. Du hast die freie Wahl und was du wählen wirst, ist uns schon bekannt.“ Von dieser narzisstischen Kränkung wird sich die liberale Subjektivität schwer erholen können. Ach, wie frei wähnte sich der postmoderne Hedonist! Von allen Traditionen und äußeren Einflüssen losgelöst! Durch die Vielfalt der Singularitäten schweifend! Seine temporären Identitäten nach Gusto wechselnd! War es nicht ein guter deal, seine veraltete Seele gegen einen Teller Conchitawürstchen eingetäuscht zu haben? Wieso hätte sich der user ernsthaft gegen eine Macht aufgelehnt, die ihm gegenüber so großzügig war? Ihm wurde alles geschenkt, Bilder und soziale Kontakte, Unterhaltung und Wissen, Community und Personalisierung, alles für lau. Zu spät erfuhr er, dass er doch einen faustischen Pakt eingegangen war: Was er dafür ausgeben sollte, war die Verfügung über sich selbst.
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Die Ordnung herrscht in Berlin

Mittwoch 26.03, 20.00: Buchpräsentation “Die Ordnung herrscht in Berlin” von Francesco Masci. Mit dem Autor spricht Guillaume Paoli. Ort: Matthes & Seitz Berlin, Göhrener Str. 4, 10437. Eintritt frei.
Auszug:
“Am Ausgang der Volksbühne, wo sich Anfang der dreißiger Jahre SA und KPD gewaltsame Auseinandersetzungen lieferten, zieht heute das Publikum gesittet seiner Wege, nachdem es unbeteiligt dem Vortrag des gerade angesagtesten kommunistischen Philosophen gelauscht hat. In aller Frühe stehen an einem anderen Ort der Stadt Hunderte von Menschen friedlich in einer langen Schlange. Häufig warten sie mehrere Stunden lang, um am Türsteher des Berghain vorbeizugelangen, der ihnen mit einer einfachen Kopfbewegung über Einlass oder Abweisung Auskunft gibt. In Berlin erinnern uns zahlreiche Alltagsszenen daran, dass das Ziel jedes utopischen Gesetzentwurfs die Aufrechterhaltung der Ordnung ist.”

Nervositäten

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hier zum Nachhören

Nervositäten

Vorahnung und Überdruss in der Dämmerung zum 1. Weltkrieg – Ein Feature von Guillaume Paoli

Ein Donnerschlag. So wird die Kriegserklärung am 2. August 1914 immer wieder beschrieben. Doch dieser Donner kam nicht aus heiterem Himmel. Gerade in den vorausgegangenen Monaten war die Atmosphäre immer drückender geworden. Jeder wusste, dass ein Weltenbrand bevorstand, doch niemand konnte wirklich daran glauben. Der zittrige Zustand wurde durch die Unzufriedenheit an der Gegenwart geschürt: Während sich Lebensreformer gegen die überkommene Moral auflehnten, prangerten Kulturkritiker die moderne Dekadenz an. Die Diagnose der Nervosität war in aller Munde. Sämtliche Möglichkeiten der Epoche offenbarten sich noch einmal, bevor diese unterging.
Das Feature rekonstruiert durch literarische Textcollage und philosophische Interventionen den unmittelbar vor Kriegsausbruch kulminierenden kulturellen Konflikt.

Dramaturgische Beratung: Katrin Schumacher
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Martin Eichberg
Redaktion: Barbara Wahlster
Es sprechen: Frank Arnold, Günther Harder, Manuel Harder, Birgit Unterweger, Katrin Schumacher und Cordelia Wege

© Deutschlandradio Kultur 2014

Neues aus dem antikapitalistischen Kapitalismus

adplakatOccupy-Wall-Street-Plakat von Adbusters, jetzt von Walmart verkauft

Crowdfunding ist die gemütlichere Form des Bettelns. Anstatt an einer kalten Straßenecke zu stehen und Menschen direkt anzusprechen, sitze ich im warmen Nest vor dem Computer und versuche, über soziale Netzwerke die Öffentlichkeit für eine gute Sache zu gewinnen. Spenden ein paar Hunderttausende einen kleinen Obolus, dann ist die Finanzierung meines Konzepts gesichert. In Zeiten des Subventionsabbaus und der ausbleibenden Sponsoren werden wir immer häufiger darum gebeten, für die Realisierung eines Filmes, eines Musikalbums oder eines politischen Projekts einen bescheidenen Betrag zu überweisen. Selbstverständlich haben sich Internetplattformen auf Schwarmfinanzierung spezialisiert, am erfolgreichsten das US-amerikanische StartUp-Unternehmen Kickstarter. Das tun sie nicht aus reiner Nächstenliebe, Kickstarter erhebt eine Vermittlungsprovision in Höhe von 5% der erreichten Summe (dazu kassiert Amazon-Payments auch etwas). Bei der Gesamtmenge der Mikrotransaktionen ein gutes Geschäft. Aber auch für die Projektmacher kann Schwarmfinanzierung einen Geldsegen bedeuten. So kam der Autor des Comics „The order of the stick“ auf eine unverhoffte Million Dollar, ein Design-Projekt sogar auf zehn Millionen.

Derzeit wird durch Crowdfunding für ein originelles Alternativprojekt geworben: eine „gewaltlose Occupy-Wall-Street-Bürgerwehr“. Es gehe dabei um nichts weniger als „die existierenden Machtstrukturen zu zerlegen“ – diese Floskel reicht schon, um Misstrauen zu erwecken. Alle meinten, OWS sei schon lange tot, doch bleiben unter diesem Namen eine Webseite und ein Twitter-Konto aktiv, welche am Anfang der Besetzung von der „transgender Anarchistin“ Justine Tunney angemeldet worden waren. Nachdem sich Tunney mit anderen Promis der Bewegung wie David Graeber überwarf, hat sie die Marke OWS eigenhändig übernommen. Wir wollen jetzt nicht diskutieren, was zum Teufel eine gewaltlose Volksarmee soll. Wahrscheinlich läuft das Konzept auf eine Art Grundeinkommen für Black-Block-Chaoten hinaus. Viel interessanter ist die Tatsache, dass Justine Tunney seit Auflösung der Zuccotti-Park-Besetzung für Google als Software-Ingenieurin arbeitet. Nach eigener Aussage sei sie an Krebs erkrankt und müsse sich daher ausverkaufen – wogegen es nichts einzuwenden gäbe, würde sie nicht gleich dazu erklären: „Zwar operiert Google innerhalb des kapitalistischen Systems, aber sie tun viel Gutes für die ganze Welt. Mehr lesen…

Der User als neuer Habenichts

Everything belongs to you and me, so let’s take a ride and see what’s mine.

 

Es wird immer anders als gedacht. Bisher schienen Kapitalismus und Privatbesitz untrennbar. Nun wird der Privatbesitz vom Kapitalismus zunehmend abgeschafft. Ein Beispiel: Nachdem die Sauereien der Firma Amazon einer breiten Öffentlichkeit bewusst worden sind, haben nicht wenige Kunden ihr Konto gekündigt. Dann kam die böse Überraschung: Pfft, auf einmal war ihre ganze Kindle-Bibliothek gelöscht! Sie meinten, digitale Bücher so wie früher Papierbücher gekauft zu haben; falsch gedacht: Was sie erworben hatten, war „das Recht, Inhalte zu nutzen“, formal also eher mit einem Bibliothek-Konto vergleichbar, nur mit unbestimmter Ausleihfrist und teureren Gebühren. Gewiss kann man da sagen: selber schuld. Es gibt doch genug Möglichkeiten, aus dem Internet Texte, Musik und sonstige „Inhalte“ herunterzuladen, die man dann speichern, verlagern, vervielfältigen und tauschen kann. Und überhaupt ist ein Gang in nicht-digitalen Buch- oder Plattenläden auch nicht verkehrt. Aber wie lange wird das noch gehen? Das Kindle-Modell ist erfolgreich, es wird bereits von vielen anderen Konzernen und Verlagen praktiziert. Es könnte also durchaus sein, dass wir in wenigen Jahren nicht anders tun werden können, als kulturelle Produkte gegen Bezahlung zu nutzen, ohne diese jemals besitzen zu dürfen.

Häufig wird Besitz mir Eigentum verwechselt. Es sind aber zwei verschiedene Begriffe. Ein Mieter ist kein Eigentümer, wohl aber Besitzer seiner Wohnung. Er darf sie möblieren wie er will, niemand kann ihm vorschreiben, was er dort macht oder wen er einlädt. Selbst dem unangemeldeten Vermietern darf er den Zugang zu seinem Wohnsitz sperren. Wiederum ist ein Nutzer nicht unbedingt Besitzer. Zum Beispiel ist der Hotelgast eben nur Gast, der Wirt bleibt in Besitz des von ihm gemieteten Zimmers. Genau das wäre der neuartige Status des digitalen Users. Bei Amazon, Spotify und Konsorten ist er bloß zu Gast, mit entsprechend eingeschränkten Verfügungsrechten. Die Welt wird zum Hotel. Mehr lesen…