Zugeordnete Einträge: Allgemein

Abwesenheitsnotiz

Wer hätte das gedacht: Nachdem sie wochenlang getagt hat, um kleine Meinungsunterschiede herauszufinden, damit keiner auf die Idee kommen könnte, wir lebten nun in einem Einparteisystem, fängt die XXL-Koalition mit ganz neuen Tönen an. So erklärt die Arbeitsministerin Nahles der Bild-Zeitung: „Wir müssen Vollzeit neu definieren. Mit dem Anwesenheitswahn muss Schluss sein“. Donnerwetter, das klingt wie eine späte Anerkennung der Glücklichen Arbeitslosen! Sicherlich ist das bloß eine unverbindliche Aussage. Es kostet nichts, „eine neue Arbeitskultur in den Unternehmen“ zu verlangen; keiner Regierung steht zu, sich in die Hausordnung der Privatwirtschaft einzumischen. Außerdem wird die scheinradikale Parole gleich mit einem erbärmlich biederen Beispiel illustriert: “Dann ist es möglich, dass Papa oder Mama auch mal nachmittags nach Hause gehen, wenn sie das Krippenspiel ihres Kindes anschauen wollen.” Welcher Christdemokrat würde sich da nicht gerührt fühlen?

Nichtsdestotrotz: Nutzen wir diese weise Parole, um unser Recht auf Abwesenheit einzufordern! Wir Abgelenkte, Geistesabwesende, Schwänzer, Blaumacher, Zerstreute und Verträumte aller Couleur wurden viel zu lange diskriminiert. Dabei sein ist nicht alles. Nicht bei der Sache sein ist auch eine gute Sache. Wir lassen uns entschuldigen.

 

Auch das Vergessen will gelehrt werden

negram

Sowjetisches Plakat gegen den Analphabetismus

 

Das Schulkind Deutschland atmet auf, sein PISA-Zeugnis ist dieses Jahr besser als bisher angenommen. Klassenbeste ist es freilich nicht geworden, immerhin hat es sich zwei Pluspunkte geholt. Ob diese Leistung gelobt oder als unzureichend getadelt wird, niemals werden die Autorität und die Kriterien des Examinators angefochten. Dabei verfolgt die OECD, Urheberin der Studie, eindeutige Ziele. „Heute versteht es sich von selbst, dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken.“  Diese poetischen Zeilen stammen aus dem Bericht einer OECD-Konferenz anno 1961. Seitdem wird die klassische Bildung durch die wirtschaftsrelevante „Kompetenz“ methodisch ersetzt. Das heranwachsende „Humankapital“ wird für Konsum und Arbeit formatiert, ohne einmal argwöhnen zu können, dass es außerhalb dieser Sphären auch Wissenswertes gibt.
Indoktrination bedeutet nicht unbedingt die Auferlegung einer totalitären Ideologie. Sie fängt schon mit der Selektion bestimmter Fächer und dem Ausschluss anderer an. Ganz oben auf der PISA-Skala steht natürlich Mathe. Der Homo Oeconomicus muss wohl ständig Rechenaufgaben lösen. Auch ist Lesekompetenz in dem Maße wichtig, wie Informationen verarbeitet und Befehle richtig verstanden werden sollen. Dafür sind Literaturkenntnisse nicht erforderlich. Eine naturwissenschaftliche Grundbildung ist für die Karriere von Vorteil und wird entsprechend unterstützt, eine sozialwissenschaftliche dagegen nicht -von Philosophie nicht einmal zu reden. Ein bisschen Ethikunterricht reicht doch, um den Bürgern von morgen die heilige Trinität von Demokratie, Menschenrechte und Toleranz einzubläuen. In Zeiten der Mobilität behält Geographie einen gewissen Wert; man muss wohl wissen, auf welchem Erdteil sich dieser Flughafen oder jener Lieferant befindet. Hingegen spielen für das Ranking Geschichtskenntnisse gar keine Rolle. Der Grund dafür ist ziemlich offensichtlich. Wer glaubt, in einer fortdauernden Gegenwart zu leben, wird seine Lebensbedingungen fraglos hinnehmen.

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Finde den Unterschied

Im Computer des kleinen Jakobs ist ein Datenchaos eingetreten. Hilf ihm, wiederzufinden, welcher Text zu welcher Quelle gehört.

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a) Geheimdienst-Richtlinie 1/76 der Staatssicherheitsdienstes der DDR

b) Die Kunst des Reformierens, Bertelsmann Stiftung, Beiträge für eine gestaltungsfähige Politik 3/2009

TEXT 1:

 Ein geschickter Partizipationsstil zeichnet sich dadurch aus, dass flexible und neue Formen der Inklusion das Widerstandspotenzial großer Interessengruppen und (Teilen) der Opposition aufzubrechen versuchen. Reformen können so konzipiert werden, dass sie manche Interessengruppen begünstigen und andere benachteiligen, um so eine potenziell geschlossene Abwehrfront zu verhindern. (…) Durch eine selektive Partizipation können Vetospieler in ihrer Kohärenz geschwächt, sozusagen ‘gesplittet’, und die Protestfähigkeit bestimmter Interessengruppen gemindert werden.

 TEXT 2 :

 Maßnahmen der Zersetzung sind auf das Hervorrufen sowie die Ausnutzung und Verstärkung solcher Widersprüche bzw. Differenzen zwischen feindlich-negativen Kräften zu richten, durch die sie zersplittert, gelähmt, desorganisiert und isoliert und ihre feindlich-negativen Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend verhindert, wesentlich eingeschränkt oder gänzlich unterbunden werden.

 

Demotivationsmusik

Albert Aylers fröhliche Philosophie, ein erprobtes Hilfsmittel, um den Tag in der geeigneten Stimmung anzufangen.

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Die Ausredefreiheit bleibt unangetastet

In der heutigen taz meint Ilija Trojanow, dass infolge der NSA-Enthüllungen Autoren und Intellektuelle zunehmend Selbstzensur üben und bestimmte Themen „nicht nur im persönlichen Gespräch und in E-Mails, sondern auch in ihren Texten“ bewusst vermeiden. Das hört sich an wie: Ach, wenn ich mich nur traute, meine subversiven Gedanken zu veröffentlichen! Ich wäre gern ein Dissident, leider lässt es der böse Überwachungsstaat nicht zu. Da möchte man die ins innere Exil Geratenen fragen, wo ihre kritischen Stimmen zu hören waren, als sie noch glaubten, in einem Reich der Freiheit zu leben? Dass sie gefährliche Themen nicht nur in ihren Texten, sondern auch in ihrem Kopf bewusst vermeiden, ist keineswegs neu. Als er in den Westen kam, staunte bereits Solschenizyn darüber, dass hier kein KGB nötig war, um die Fügsamkeit der meisten Intellektuellen zu sichern. Weiterlesen…

Das Google-Evangelium

„Es mag sein, dass das Privatleben eine Anomalie ist.“ Das sagt Vint Cerf, der als Chief Internet Evangelist bei Google eingestellt ist. Ich dachte, „Evangelist“ sei ironisch gemeint, aber nein, es ist eine offizielle Jobbeschreibung in der Software-Branche. In Wikipedia erfährt man dazu: „The word is taken from the context of religious evangelism due to the similarity of relaying information about a particular set of beliefs with the intention of converting the recipient.

Offensichtlich ist Google die moderne Form der Heiligen Inquisition. Obwohl heute in Zwielicht geraten, war die Inquisition auch eine Art Suchmaschine. Inquirere heisst ja untersuchen. Sie wollte nur das Böse bekämpfen (vergleiche das Google-Motto: „don’t be evil“). Ihrer Hauptfunktion, der Seelenführung, hat sich Eric Schmidt, Googles Executive Chairman verschrieben: “I actually think most people don’t want Google to answer their questions, They want Google to tell them what they should be doing next.”

Schließlich geht es immer darum, die Sünde auszurotten, besser gesagt die Menschen von der bloßen Vorstellung abzuwenden, eine böse Tat zu begehen, so Schmidt weiter: “If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.”

Gegen Sekten wie die Scientologen regen sich alle auf. Auch staatliche Spähprogramme werden nicht voll und ganz akzeptiert. Hingegen setzt sich die Google-Inquisition reibungslos durch. Für die Beseitigung der Privatanomalie ist ein Privatunternehmen am effektivsten. Unter anderem weil es sich die besseren Evangelisten leisten kann.

 

Die fabelhafte Welt der Akademie

Kulturpessimisten aller Couleur, beruhigt Euch: Von Sprachverfall kann keine Rede sein. Das Deutsche wächst und gedeiht. Der neueste „Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ beweist, dass der Wortschatz in den letzten 100 Jahren um 1,6 Millionen Wörter gewachsen ist. Also könnten sich die Deutschen heute vielfältiger ausdrücken als je zuvor. Die Betonung liegt hier auf könnten. Denn sie tun es nicht. Ihnen steht ein immer raffinierter werdendes Instrument zur Verfügung, doch stur klimpern sie auf denselben Tasten. So sagt auf Deutschlandradio Wolfgang Klein, Mitautor der Studie: „Nicht die Sprache wird schlechter, sondern ihre Sprecher.“ Vielleicht wäre es andersherum besser. Zumal auf viele Vokabeln ruhig verzichtet werden könnte, „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ etwa, „Veggie-Day“ oder „Ich-AG“.

Was bringt uns die Feststellung, dass ein vollständiges Deutschwörterbuch heute fünf Millionen Einträge haben sollte? Ökonomisch könnte man argumentieren, dass bei steigendem Lexikalkapital selbst ein gleichbleibender Sprachgebrauch eine relative Verarmung darstellen würde. Vor allem ist die wunderbare Wortvermehrung der Entwicklung hochspezialisierter Gebiete zu verdanken, die nur Fachidioten zugänglich sind, welche jedoch außerhalb ihrer Disziplin dieselben armen Ausdrücke wie jedermann verwenden.

 Wir haben es hier mit einem schönen Fall von statistisch gestütztem Idealismus zu tun: Die Sprache wird besser, die Sprechakte schlechter. Im Himmel der Entitäten schwebt ein prächtiger Wortschatz, doch auf Erden machen die Menschen einen schlechten Gebrauch davon. Auf die Frage wieso, lassen sich die ehrenwerten Berichtautoren nicht ein, unter ihnen ist ja kein Soziologe.

 Aber wir wollen optimistisch sein. Freuen wir uns also, dass Ignoranten in einem sich ausdehnenden Ozean des Wissens schwimmen dürfen. Und vergiss deinen Kontostand, die gute Nachricht ist: es gibt immer mehr Geld in der Welt.

 

Vorkriegszeit (Teil 1)

Wlodawa

Es ist ein absurder Brauch des Kulturmarktes, sich einzig nach Jubiläen zu richten. So bahnbrechend eine neue Kleist-Biographie sein möge, kein Verleger würde sie jetzt in sein Programm aufnehmen. Kleist? Das war doch vor zwei Jahren! Und alle Sachbuchstreber und Biographiemacher begeben sich auf die fiebrige Suche nach anstehenden Geburts- oder Todestagen, um die Nachfrage rechtzeitig zu erfüllen.

So ist es kein Wunder, dass der Bestseller des Jahres Florian Illies’ 1913 war. Seit ein paar Wochen wird es von Christopher Clark’s Die Schlafwanderer eingeholt, einem Vorboten des kommenden 1914-Gedenktsunamis. Ein Bestseller muss nicht unbedingt ein schlechtes Buch sein. Doch ist Illies’ Anekdotensammlung ein schlechtes Buch, besser gesagt: eine Wohlfühl-Umschreibung der Geschichte. Da wird ein Bogen zwischen dem angeblichen „Sommer des Jahrhunderts“ und der „Generation Golf“ gespannt, welcher bloß von kleinen Betriebsunfällen unterbrochen gewesen sei. Das ist deswegen bedauernswert, weil das Thema wirklich spannend ist und Besseres verdient hätte.

 Auch ich hatte mich mit jenem Jahr beschäftigt, freilich nicht um einen Bestseller zu schreiben, sondern um etwas gegen die laufende Jubiläenwut zu unternehmen. Letztens wurde in Leipzig ein erbärmliches „Reenactment“ der 1813er Völkerschlacht inszeniert. Als ich dort noch tätig war, hielt ich es für nötig, darauf hinzuweisen, dass der hässliche Klotz namens Völkerschlachtdenkmal, 1913 eingeweiht, nicht so sehr ein Andenken an einen vergangenen Sieg war, als eine Einstimmung aufs bevorstehende Gemetzel. Als ich zu diesem Zweck zu recherchieren anfing, stieß ich auf (mir zumindest) wenig bekannte Tatsachen, die ich im Folgenden untersuchen werde. Weiterlesen…

Der Aufstand kommt…

…das einzige Problem ist, dass bisher nur die Eliten daran glauben.

Immerhin: “Weltweit beobachten die Befragten, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Politik und andere Institutionen wie beispielsweise Banken verliert.” Die Demotivation schreitet voran. Daran arbeiten wir.

Schließlich bin ich auch ein Tier

In letztem Frühjahr kam es in Leipzig zu heftigen Protesten der Tierschützer gegen eine Aufführung des „Orgien Mysterien Theaters“ vom Altaktionisten Hermann Nitsch, wobei ein Rind so wie ein paar Schweine geschlachtet werden sollten. Zu diesem Anlass veröffentlichte ich das folgende Manifest.

 

Sie haben vielleicht schon davon gehört: Im Namen der Kunst werden wehrlose Tiere barbarisch missbraucht. Da muss ich sagen: Auch ich finde das nicht in Ordnung und meine, sie sollen mit dem Mist aufhören, die da drüben im Gewandhaus.

Dort so wie in sonstigen Tempeln der Klassik werden regelmäßig Folterinstrumente vorgeführt, die sich Geigen nennen. Für diejenigen die noch nie im Gewandhaus waren: Eine Geige besteht aus zwei Teilen, der Geige selbst und dem Bogen. Der Bogen ist mit Pferdehaar bespannt. Zu diesem Zweck wird unschuldigen Pferden der Schweif abgeschnitten. Das ist schon Folter, wenn man bedenkt, dass das Pferd sich dann nicht mehr gegen Mücken, Fliegen oder Zecken wehren kann. Aber es kommt noch schlimmer. An der Geige werden Saiten aufgespannt, die aus Katzendarm gemacht sind! Stellen Sie sich vor, wie kleinen, süßen Kätzchen der Bauch aufgeschlitzt wird, wie das Eingeweide rausgenommen und zu Geigensaiten verarbeitet wird. Grauenvoll. Unfassbar ist vor allem, dass Sadisten in Abendanzug und Sadistinnen in Abendkleid ins Gewandhaus strömen, um genüsslich zu erfahren, wie Pferdehaar an Katzendarm gerieben wird. Und das nennen sie Hochkultur.

Wir reden hier von Massenmord. Ein Symphonieorchester hat 23 erste Violinen, 20 zweite Violinen und 16 Bratschen. Mal 4 Saiten macht: 236 tote Katzen. Vielleicht werden da Besserwisser erwidern: Man sagt zwar, dass die Saiten aus Katzendarm gemacht sind, doch eigentlich werden Därme von Schafen und Eseln verwendet. Da sage ich nur: Na und? Sind nicht Schafe und Esel auch fühlende Individuen? Weiterlesen…